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Vom Gleichgewichtssinn

Es ist lange her, dass Autoren, ohne rot zu werden, als Bekräftiger und Lobredner ihrer Systeme auftreten und ihren Zeitgenossen den Dienst der Bestätigung und Versicherung leisten konnten – sie haben es, von Aristophanes bis zum „West-östlichen Divan“, mit Leib und Seele nie, immer with a difference getan, die sich die Machthaber gerade noch gefallen ließen. Der Hofdichter blieb eine verkleidete Erscheinung, auch wenn der durchblickende Hofnarr das Rätsel zu lösen und für die Harmlosigkeit der Vortäuschung zu sprechen schien. Heute tritt aus der entblößten, sich selbst bloßstellenden Kunst zugleich die absolut gewordene Narretei und, wie in Giacomettis Figuren, die Zerstörung hervor, die der Zivilisierte sich selbst angetan hat. Die Kunst kann die Intaktheit ihres Gleichgewichtsorgans nur dadurch noch zeigen, dass sie jedes Zugeständnis an das Intakte verweigert. Intakt heißt unberührt; die Künstler sorgen dafür, dass wird dir Defizite an Freiheit und Ordnung mit Händen greifen können. Aber berührbar ist nur das Körperliche; darin liegt ein Rest von Verheißung, die „schwache messianische Hoffnung“ Walter Benjamins. Wer überhaupt noch Sinne hat, dem legt jeder dunkle, aber starke Vers auf die Hand, was er vermisst; nur noch in der Kunst liegt es so auf der Hand. Jeder Widerstand, den die Prosodie dem Metrum – also der Erwartungsstruktur des Gedichts – leistet; jede Zuwiderhandlung gegen die „Helden“-Rolle in einem Roman, jedes Moment überraschender Brechung in einem Handlungsablauf zeugt von einer möglichen anderen Geschichte als derjenigen, in der der Strukturelle Mensch verhaftet ist. Jede unversöhnliche Einzelheit ist eine Anstiftung zum Aufstand gegen erdrückende Rituale. Jede beglaubigte Schönheit erinnert aber auch an das Paradies und bringt es als verlorenes nah.

Der Subtext des Wilden in der Kunst ist die andere Ordnung; wie anderseits in jeder künstlerischen Organisation und ihrer Autonomie der Anspruch auf eine andere Freiheit bewahrt wird. „Kunstgenuß“ ist darum kein schmerzloser Konsum; er hat mit jener Rezeption des Unvergänglichen im Vergangenen zu tun, die Benjamin als „Erinnerung“ beschreibt, deren man sich bemächtigt, „wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt“. Diese Gefahr aber, vor der das Kunstwerk ebenso warnt, wie es sie für viele schon zu verkörpern scheint, ist der definititive Verlust des Glücks. Auch die Therapie ist Befähigung zum Glück – dem Glück, in der Bewegung zu lieben. Die Dichtung steht da, wo die Therapie hin will; auch als beschädigte ist sie ein Glück, obwohl sie von Glück zu reden aufgehört hat. Aber dieses Glück gelingt nur noch als vorgestelltes und zahlt dafür mit Nichtgelingen des Lebens, dem es entstammt. In der Therapie aber soll das Leben gelingen. Es wird nie ein Glück sein, aber die Therapie zum Glück befähigen, wenn sie zum Leben befähigt. Die Schritte zum eigenen Leben sind mühsam und teuer, denn wir bekommen täglich die besten Gründe geliefert, uns mit Funktionieren zu begnügen, mit dem Markieren von Anwesenheit; in den Strukturen aufzugehen und höchstens verschwiegen an ihnen zu leiden.

Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst – oder Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgerschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist die Einsicht zu schöpfen, dass Überleben erst dann keine Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.

Adolf Muschg


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