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“Was hat man alles auf Gott,
diese mißbrauchte und bemitleidenswerte Instanz, abgeladen,
auf sie abgeschoben: Alles, alles was da an Problemen blieb:
Alle Wegweiser für auswegloses Elend sozialer, ökonomischer,
sexueller Art wiesen auf ihn, alles Abfällige, Verächtliche,
wurde auf Gott geschoben, alle unerledigten “Reste“,
und doch hat man ihn gleichzeitig als den Verkörperten
gepredigt, ohne zu bedenken, daß man den Menschen
nicht Gott und Gott nicht dem Menschen aufbürden kann,
wenn er als verkörpert zu gelten hat. Und wer mag sich
da wundern, wenn er da überlebt hat, wo man Gottlosigkeit
verordnete und das Elend der Welt und der eigenen Gesellschaft
auf einen unerfüllten Katechismus ebenso dogmatischer
Art und auf eine immer weiter und immer wieder verschobene
Zukunft schob, die sich als triste Gegenwart erwies? Und
wiederum können wir auch darauf nur mit unerträglicher
Arroganz reagieren, indem wir von hier aus uns anmaßen,
diesen Vorgang als reaktionär zu denunzieren; und es
ist Arroganz gleicher Sorte, wenn ebenfalls von hier aus
die amtlichen Verwalter Gottes diesen Gott, der in der Sowjetunion
zu überlebt haben scheint, als ihren reklamieren, ohne
die Müllhalden, unter denen er hier versteckt ist,
wegzuräumen, und das Erscheinen Gottes dort für
die Rechtfertigung eines Gesellschaftssystemes hier reklamierten.
Immer wieder wollen wir, ob wir uns nun als Christen oder
Atheisten unserer Überzeugung brüsten, profitieren
für das eine oder andere rechthaberisch vertretene
Gedankensystem. Dieser unser Wahnwitz, dieser Hochmut an
sich, verschüttet immer wieder beides: Den verkörperten
Gott, den man den Menschgewordenen nennt, und die an seine
Stelle gesetzte Zukunftsvision totaler Menschlichkeit.“
(Heinrich Böll, Versuch
über die Vernunft der Poesie, Nobelvorlesung gehalten
am 2. Mai 1973 in Stockholm)
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