| Kult
und Religion
Die Sehnsucht des Menschen
nach dem Anderen
Eröffnung
des Norischen Kultplatzes
In Klein St. Paul, am 21. Mai 2005
Der Leiter des Museums
für Quellenkultur hat uns zur Eröffnung des Norischen
Kultplatzes eingeladen. Der Quellensucher und Einbuchstabenschreiber
markiert damit vielleicht einen Ort, um den Ort hinter allen
Orten anzudeuten, er führt damit wie ein Rutengänger
zur Quelle, jedenfalls zum Q.
Der katholische Priester und Zen-Meister Karl Obermayer
hat 2004 ein Büchlein geschrieben mit dem Titel: „Zurück
zur reinen Quelle“. Er beginnt mit einem Vers, der
auch als Kurzkommentar zu Hofmeisters Quellenkultur stehen
kann:
ZUR QUELLE ZURÜCKGEKEHRT.
ABER DIE SCHRITTE WAREN UMSONST.
BESSER WÄRE MAN
BLIND UND TAUB GEWESEN
VON ANFANG AN.
Obermayer stellt
im Vorwort die Frage, ob es am Anfang unseres Daseins einen
Zustand der Einheit mit dem ganzen Universum gibt, mit „Gott
und der Welt“ sozusagen.
„ Es ist auffällig, dass in vielen Kulturen der
Mythos vom goldenen Zeitalter, vom verlorenen Paradies zu
finden ist. Vielleicht ist die tiefste Sehnsucht des Menschen,
die er immer wieder mit vordergründigen Dingen zu befriedigen
sucht, letztlich die Sehnsucht nach dieser Einheit, diesem
Einswerden“, vermutet der Autor (Karl Obermayer, Zurück
zur reinen Quelle. Zen-Einsichten und Kalligraphien, Theseus-Verlag
Berlin 2004).
Aus meiner Sicht ist es die vornehmste Aufgabe der Religion,
zur Quelle zurückzuführen, der Sehnsucht danach
eine Stimme oder besser noch einen Platz einzuräumen.
Wie diese Quelle zu beschreiben ist, darüber gehen
die Meinungen auseinander: Q, Dao, Buddhanatur, Gott…
Es gibt dafür viele Namen. Die Geschichte der Menschheit
ist auch die Geschichte des Streitens darüber, wer
hier Recht hat.
Aber ganz egal, in welche Religion wir schauen: Menschen,
die sich dieser letzten Wirklichkeit genähert haben,
die sich spirituelle Erfahrung angeeignet haben, berichten
von ganz Ähnlichem: Das eigentliche Erlebnis, die persönlich
gemachte religiöse Erfahrung ist einmalig, und jede
Beschreibung greift im Grunde zu kurz. Darum sind die großen
Meister des Glaubens im Herzen sehr weite, gelassene und
liebende Menschen.
Der chinesische Meister Yung-Chia Ta-Shih sagt: „Es
ist nicht zu greifen, aber auch nicht zu verlieren. Es sucht
sich seinen eigenen Weg. Wenn du schweigst, spricht es,
wenn du sprichst, ist es taub. Kein Hindernis – das
große Tor der Liebe ist weit geöffnet.“
(Obermayer, 35)
Bodhidharma antwortet auf die Frage, was das Wesentliche
seiner Lehre sei: Keine Lehre „Offene Weite. Nichts
Heiliges.“ (Obermayer, 36)
Diese Offenheit und diese Weite zu finden, in sich selber
und dem ganzen Kosmos, ohne vorgefasste Gedanken, Meinungen
und Vorstellungen, darum geht es z. B. im Zen.
Religion kommt immer
dann in die Krise, wenn sie diese offene Weite verliert.
Dann muss die Welt eingeteilt und dabei im Grunde „auseinanderdividiert“
werden in „Himmel und Hölle“, oben-unten“,
sacrum-profanum, usw.
Dann wird mit einem Male die reine Lehre, der Glaubenssatz
und das Gesetz wichtiger als die Menschen und ihre Erfahrungen….
Schon vor 500 Jahren spottet Paracelsus über seine
Zeitgenossen, die abwechselnd nach Antwerpen, Venedig, Frankfurt
und Brüssel ‚rennen‘, weil sie jeweils
davon überzeugt sind, dort liege das Heil der Welt.
Es ist nach Paracelsus nicht nötig, von Schwaben nach
‚Allakutn‘, wie er es nennt – das heutige
Kalkutta -, zu wandern, es ist nicht nötig, den Wein
von Candia zu trinken; er sagt, wir brauchen keine Sehnsucht
nach den fremden und fernen Gegenden zu haben, wie es im
16. Jahrhundert Mode wurde. Das Märchen von Kalkutta
und der Wein von Candia schenken uns nicht mehr Freuden,
als wir sie in unserem vertrauten Umkreis zu entdecken vermögen.
Wenn das Herz im Menschen erwacht, regiert in ihm die Liebe.
Er erkennt dann, dass Gott auch seine Wohnung, seinen Lebensraum
voller Freude erschuf.
ACHTSAMKEIT
Grundtugenden
DANKEN BITTEN STAUNEN
Das Talmuseum in
Klein St. Paul ist in den letzten Jahren Schauplatz einer
Werner-Hofmeister-Personale geworden. Aber Hofmeister gestaltet
seine Personale so, dass er dadurch dem Besucher die eigentliche
Bedeutung des Museums in neuer Weise bewusst macht. Er tritt
mit seinen Objekten in Dialog mit der Vergangenheit dieser
Region, deren Geschichte weit zurückreicht in die römische
und in die keltische Zeit. Die Objekt-Zeitzeugen aus der
Vergangenheit dieser Region werden durch die Zwiesprache
mit der Konzeptkunst zu kreativen Dialogpartnern und lassen
etwas von der Kraft ihrer Zeit erahnen: Sie sind Boten zweier
Zeiten und ihrer Kultur.
Wenn Hofmeister den Platz, auf dem dieses Museum steht,
zum Norischen Kultplatz erhebt, dann vollzieht er damit
eine geradezu hohepriesterliche Handlung und einen beinahe
sakralen Weiheakt: Angesichts des nahen Kirchturms mag diese
Aktion als religiöse Provokation erscheinen. Aber gerade
deshalb ist sie auch schon wieder sinnvoll, weil es auch
Aufgabe der Kunst sein kann, religiöse Fragestellungen
über den Horizont institutionalisierter Religion hinaus-
und zu ihren Ursprüngen zurückzuführen.
Der Norische Kultwagen wird von zwei Stieren gezogen, vom
einen in Richtung des Sonnenaufgangs, vom anderen in Richtung
des Sonnenuntergangs. Der Wagen selbst gehalten von vier
Händen, deren Querung nicht Stillstand, sondern archaische
Geborgenheit andeutet. In die Quelle-Hände sind Stigmata
eingeschnitten, so als wären in ihnen eingeschrieben
die Wundmale aller Zeiten.
Der Kultwagen erscheint mir als der Versuch eines Trialogs
zwischen Kelten, Römern und den Heutigen im Jetzt.
Der Versuch einer Standortbestimmung, der Versuch, die Quelle
zu finden.
Im Fadenkreuz der Aufmerksamkeit steht der Ort, wo die Welt
das Geheimnis ihrer Drehbarkeit hat, „wo sie noch
keusch ist, wo sie noch nicht geliebt und geschändet
worden ist, wo die Heiligen sich noch nicht für sie
verwandt und die Verbrecher keinen Blutfleck gelassen haben“.
Hofmeisters norischer Kultwagen ist eine Einladung, im Nutzlosen
und Zwecklosen das Sinnvolle zu suchen. Nicht Stillstand,
sondern „Innewerden“ ist sein Thema. Eine Einladung,
in der Welt, in der wir leben, die Ruhe wieder zu finden,
der wir in unserer Geschäftigkeit davonlaufen, so,
als fühlten wir uns durch sie bedroht. Eine Einladung,
im Hier und Jetzt präsent zu sein.
Werner Hofmeister bittet zu unverzwecktem Spiel…
Alles Religiöse ist vom Ursprung her Spiel, heiliges
Spiel,
in dem sich der Ernst des Lebens erst ertragen lässt.
Die Suche nach diesem „Ort“ beschäftigt
Kunst und Religion; während Kunst ungeniert auf die
Suche geht, gibt institutionelle Religion oft zu schnell
vor, schon gefunden und damit „die Wahrheit gepachtet“
zu haben.
Darum noch einmal:
Keine Lehre.
Offene Weite.
Nichts Heiliges.
Oder, um es mit einem
im Talmuseum gefundenen Wort Friedrich Nietzsche’s
zu sagen:
„ Wo du stehst,
grab tief hinein!
Drunten ist die Quelle!
Laß die dunklen Männer schrein:
‚ Stets ist drunten Hölle!’“
Arnold Mettnitzer
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