„Voll Leben und voll Tod ist diese
Erde“
Gedanken für den Tag
31.10.2005
Unsere Kultur ist hungrig nach Leben. Im kollektiven
Bewusstsein kommt das Ende des Lebens nicht vor; der Tod gehört
nicht zu uns; er wird als Einbrecher erlebt, den wir so lange wie
möglich fernzuhalten versuchen…
Diese Abwehr aber bewirkt, dass wir den Tod nur noch bedrohlicher
und unheimlicher machen…
Schon der griechische Philosoph Epikur (341-270 v. Chr.) als
Gegenspieler Platons wendet sein Denken entschieden dem Diesseits
zu. Er beruhigt
seine Schüler, die ihn nach dem Tod befragen, mit einem bestechenden
Argument: „Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns
nichts an. Denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und
wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder
die Lebenden an noch die Toten; denn die einen berührt er
nicht und die anderen existieren nicht mehr.“
(Epikur, Von der Überwindung der Furcht)
Wir wüssten zwar, sagt Sigmund Freud, dass wir alle sterben
müssen, aber weil bisher immer nur die Anderen gestorben sind,
halten sich die Lebenden im Grunde für unsterblich und führen
sich in der Gestaltung ihrer Welt auch so auf…
In vielen unserer Redensarten ist der Tod präsent. Und erst
recht in unseren Witzen, so, als wollten wir ihn uns dadurch vom
Leibe halten:
In einem russischen Sprichwort heißt es:
„
Was fürchtest du den Tod, Väterchen?
Es hat noch keiner erlebt, dass er gestorben ist.“
Arnold Mettnitzer
„Voll Leben und voll Tod ist diese Erde“
Gedanken für den Tag
02.11.2005
Bittgedanke, Dir zu Füßen
Stirb früher als ich,
um ein weniges
früher.
Damit nicht du
den weg zum haus
allein zurückgehen musst.
Die Rede vom Sterben ist in diesem
Gedicht von Reiner Kunze eine Rede von Beziehung. Die Liebe in
dieser Beziehung wünscht
dem Anderen den Tod „um ein weniges früher“,
damit er sich den Schmerz erspare auf dem Weg vom offenen Grab
nach Hause in die leere Wohnung…
Der Tod zerreißt ein Band. Tod bedeutet Abschied und existentielle
Bedrohung. Beim Tod eines Menschen stirbt auch eine Beziehung.
Mit einem Menschen wird deshalb auch ein Teil derer begraben,
die zurück bleiben. Darum sind Gräber Stätten
des Lebens. Darum kann man nicht einfach zwischen Tod und Leben
unterscheiden. Zwischen beiden herrscht ständig Zwiesprache:
Das Leben hinterfragt den Tod. Der Tod hinterfragt das Leben.
Friedhöfe sind Orte dieser Zwiesprache. Auf einem Eingangstor
steht zu lesen: „Was ihr jetzt seid, das waren einst wir.
Was wir jetzt sind, das werdet auch ihr!“
Friedrich Rückert sagt in einem Gedicht: „Dass du
mich liebst, macht mich mir wert!“ Das aber bedeutet dann
angesichts des Todes eines so geliebten Menschen: „Dein
Tod stellt mich in Frage. Wer bin ich denn noch ohne dich?“
Arnold Mettnitzer
„Voll Leben und voll Tod ist diese Erde“
Gedanken für den Tag
03.11.2005
Traurigkeit, Verlustgefühle, Verlassenheitsängste,
Hoffnungslosigkeit...,
solche und ähnliche Gefühle begleiten die Trauer nach
dem Verlust eines geliebten Menschen. Diese Gefühle haben
aber nicht nur mit dem verlorenen Menschen zu tun, sondern auch
und vor allem mit unserer bisher gelaufenen persönlichen
Geschichte.
Beim Verlust eines Menschen sind alle bisher erlittenen Verluste
wieder lebendig, darum ist keine Trauer mit der Trauer eines
anderen Menschen vergleichbar; alles Unglück ist individuell;
jeder Trauerprozess ist einmalig. Er sollte nicht vorschnell
der Heiltherapie der Zeit übergeben werden.
Jeder Abschied ist schwer: ob ich einen Menschen durch den Tod
verliere, oder aber, was oft noch schwerer ist, durch das Leben
- jeder dieser Brüche verlangt einen lang anhaltenden und
gründlichen Trauerprozess.
Wir reden von Trauer-„arbeit“. Gemeint ist damit
der Versuch, Gefühle der Trauer zu verstehen und so zu bearbeiten,
dass schmerzliche Erfahrungen als wesentlicher Teil des eigenen
Lebens angenommen und integriert werden können. Das tut
weh und kostet Kraft. Es ist harte Arbeit. Ein schmerzlicher
Prozess. Trauern kann man - so gesehen - lernen und daraus ein
vertieftes Verständnis des Lebens gewinnen.
DER TOD
IST GROSS
WIR SIND DIE SEINEN
LACHENDEN MUNDS
WENN WIR UNS
MITTEN IM LEBEN MEINEN
WAGT ER ZU WEINEN
MITTEN IN UNS
Rainer Maria Rilke
Arnold Mettnitzer
„ Voll Leben und voll Tod ist diese Erde“
Gedanken für den Tag
04.11.2005
„Leben ist das, was passiert, während wir
andere Pläne machen!“
John Lennon
Ich weigere mich zu glauben, dass der geliebte Mensch
wirklich gestorben ist.
Ich reagiere zunächst durch „Nicht-wahrhaben-wollen“.
Man steht unter Schock und versucht, sich vor den Gefühlen
des Verlustes zu retten, indem man sich einredet, alles wäre
nur ein böser Traum. Diese Periode kann Stunden oder Tage
dauern. Sie wird abgelöst durch eine Phase von einander
widersprechenden Gefühlen:
Kummer, Angst, Zorn, Schuld, Sehnsucht, Liebe.
Auch verhältnismäßig ruhige Zeiten gehören
dazu, Stunden der Dankbarkeit oder gar Freude. Besonders häufig
treten quälende Schuldgefühle auf, die durch das Suchen
von Sündenböcken zunächst erfolgreich abgewehrt
werden.
Es ist sehr wichtig, diese unangenehmen, verwirrenden Gefühle
zuzulassen und in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit auszudrücken.
Das Ideal der tapferen Selbstbeherrschung mag zwar für die
Mitmenschen angenehm sein, führt aber leicht zu einem Stillstand
des Trauerprozesses. Nur wenn wir diese Emotionen wirklich zulassen,
kommt der Trauernde in Kontakt mit jenen Energien, die die Verarbeitung
des Verlustes in einer dritten Trauerphase ermöglichen.
Wir kommen dabei aber auch in Kontakt mit dem emotionalen
Kern unseres Selbst.
In dieser Phase ist es schwierig, Trauernde zu begleiten.
In der Regel werden Gefühle der Angst, des Kummers leichter
ertragen; Gefühle der Wut, des Zorns aber werden eher abgewehrt.
Auch fordert die Umwelt rasch, Trauernde sollten wieder „vernünftig“ sein.
Dabei sind sie meist schneller wieder gefasst, wenn sie ihre
Gefühle offen zeigen dürfen, vielleicht dazu sogar
ermuntert werden.
Arnold Mettnitzer
„ Voll Leben und voll Tod ist diese Erde“
Gedanken für
den Tag
05.11.2005
Ein besonderer Liebesdienst in der Begleitung von trauernden
Menschen besteht in der Ermutigung zum Protest:
Kurt Marti, der unbestechlicher Anwalt gegen die leichtfertige
Rede angesichts des Todes erinnert in vielen seiner Texte daran,
dass wir „Protestleute gegen den Tod“ (Christoph
Blumhardt) sind. Und das ist in erster Linie gegen die gesagt,
die uns weismachen wollen, dass der Tod „dem herrn unserem
gott“ „gefallen“ hätte:
„ dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
dass einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen“
(Kurt Marti, Leichenreden, Nagel & Kimche, Zürich 2001,
27)
Elie Wiesel erzählt: „Bei einem Nachbarn des Rabbi
Mosche Löb waren mehrere Kinder nacheinander im zarten Alter
gestorben.
Die Mutter vertraut eines Tages ihren Kummer der Frau des Zaddiks
an: ‚Was für ein Gott ist denn der Gott Israels? Er
ist grausam und nicht barmherzig. Er nimmt, was er gegeben hat.‘
‚
Du darfst nicht so reden‘, sagt die Frau des Zaddik, ‚ so
darfst du nicht reden. Die Wege des Himmels sind unergründlich.
Man muss lernen, sein Schicksal anzunehmen.‘
In diesem Augenblick erscheint Rabbi Mosche Löb auf der
Türschwelle und sagt der unglücklichen Mutter: ‚Und
ich sage dir, Frau, man muss es nicht annehmen! Man muss sich
nicht unterwerfen. Ich rate dir, zu rufen, zu schreien, zu protestieren,
Gerechtigkeit zu fordern, verstehst du mich, Frau? Man darf es
nicht einfach annehmen!“
Arnold Mettnitzer
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