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Vom Reden

Und dann sagte ein Gelehrter: Sprich vom Reden.
Und er antwortete und sagte:
Ihr redet, wenn ihr aufhört, mit euren Gedanken in Frieden zu sein;
Und wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eures Herzens verweilen könnt, lebt ihr in euren Lippen, und das Wort ist euch Ablenkung und Zeitvertreib. Und in vielen eurer Gespräche wird das Denken halb ermordet.
Denn der Gedanke ist ein Vogel, der Raum braucht und in einem Käfig von Worten zwar seine Flügel ausbreiten, aber nicht fliegen kann.
Es sind welche unter euch, die den Redseligen suchen, weil sie Angst haben, allein zu sein.
Die Stille des Alleinseins offenbart ihren Augen ihr nacktes Ich, und sie möchten flüchten.
Und es sind welche unter euch, die reden und dabei ohne Wissen oder Absicht eine Wahrheit aufdecken, die sie selber nicht verstehen.
Und wieder andere haben die Wahrheit in sich, aber sie drücken sie nicht in Worten aus.
In der Brust solcher Menschen weilt der Geist in rhythmischer Stille.
Wenn ihr euren Freund auf der Straße oder auf dem Marktplatz trefft, soll der Geist in euch eure Lippen bewegen und eure Zunge lenken.
Soll die Stimme in eurer Stimme zum Ohr seines Ohrs sprechen;
Denn seine Seele wird die Wahrheit eures Herzens bewahren, wie man sich an den Geschmack von Wein erinnert,
Wenn auch seine Farbe vergessen und das Gefäß nicht mehr da ist.

aus Khalil Gibran, Der Prophet

 


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