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Eine Sprache, die umarmt

Ein Tag wie viele andere mit den Geräuschen des Alltags:
Autos, Telefone, Radiogeräte. Überall die Stimmen der Menschen. Befehlende, bittende, fragende, verkaufende, unterrichtende Stimmen. Der Lebenswille hat eine laute Stimme, verschafft sich lautstark Gehör. Aber die Geräusche des Alltags sind auch die Geräusche der Sorge um das tägliche Brot. Hinter dem Lärm des Tages vernehme ich die leise Sprache der Sorge. Die laute Stimme des Alltags wird erträglich, wenn ich auch diese leise Sprache hinter dem Tageslärm verstehe.
Der Alltag ist zweisprachig. All die sicheren und lauten Stimmen, die auf mich zukommen, verbergen oft eine zweite Sprache: die Unsicherheit der Menschen, ihr Suchen und Fragen, soviel Einsamkeit.
Das Wichtigste steht oft zwischen den Zeilen, eine letzte Stimme verbirgt sich hinter den Geräuschen des Alltags. Ein Wort von Karl Kraus mahnt uns, „den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es Akkorde der Ewigkeit“. Das wäre schön, wenn man so in den Alltag hineinhören könnte und sie vernehmen: diese letzte Stimme, die Stimme eines hauchdünnen Schweigens…
Franz Fühmann meinte…: Leid wird nicht dadurch überwunden, dass einer möglichst schallend lacht, sondern dadurch, dass es geteilt wird. Was der Gebeugte, der Niedergeschlagene braucht, sind Worte des Mit-Leidens, eine Sprache, die umarmt.
Ich denke, das gilt nicht nur für Schriftsteller, sondern für die Sprache der Menschen überhaupt, für die Worte, die wir heute zu sprechen haben. Was wir brauchen, ist eine Sprache, die teilt. Große Worte nehmen wir leicht in den Mund, Löwenherzen bieten wir an. Aber gebraucht werden die kleinen Worte. Das Wort „trotz-dem“. Das Wort „dennoch“. Das Wort „du“.
Und die kurzen Fragewörter: wer? wo? was? warum? wohin? Die kurzen Fragewörter, die armseligen, die sich nicht auskennen. Sie holen uns vom Podest herunter und verbinden uns mit allen Suchenden und Fragenden.

Aus: Joop Roeland, wie die worte das fliegen lernten, Otto Müller Verlag Salzburg – Wien 2006, ISBN 3-7013-1118-8, Seite 30-31

 


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