In der Gestalt des Jesu von Nazareth besitzt das Christentum einen Anwalt der zärtlichen Zuwendung. Johannes Thiele schreibt: „Wir haben in Jesus einen liebenden Menschen vor uns, eine Inkarnation der Erotik Gottes und damit letztlich einen Archetyp des Liebhabers, auch wenn uns die asketische hellenistische Auslegungstradition dies lange unterschlagen hat.“ Das alles liest eine dogmen- und prinzipienstrukturierte Kirche natürlich anders als ein nach Begegnung und Berührung hungriger Mensch.
Nicht das Christentum, dessen wesentliche Wurzel die hebräische Bibel ist, war ursprünglich asketisch, leibfeindlich und eros-skeptisch, sondern der heruntergekommene und niedergehende Hellenismus brachte asketische Tendenzen in das Christentum und erstickte so die blühende Liebeskultur der Antike. Der Gott Eros hatte ursprünglich eine andere Funktion als die eines Feindbildes der reinen christlichen Lehre. In der Antike galt der Sohn der Liebesgöttin Aphrodite noch als Leitfigur der Tugend und der Menschlichkeit.
Eros und Agape wurden in der Kirche auseinander dividiert. Aber weder bedeutet der Eros nur sinnliche Liebe mit sexueller Energie, noch die im Neuen Testament propagierte Agape nur dienende, sich schenkende, opfernde Liebe. Die Aufspaltung des Begriffs „Liebe“ in Eros und Agape, Philia bzw. Libido und Caritas führte zu einer unerträglichen Reduktion der Bedeutungsvielfalt. Sie ist Teil der Tradition, die den Glauben vom alltäglichen Leben, die Religion von der Politik, die Privatheit von der Öffentlichkeit rigoros zu trennen und alles in einer „verrechtlichten Sprache“ zu benennen versucht. In der Folge unterscheidet man streng zwischen einer sakralen und einer profanen Welt, zwischen heilig-religiösen und sündig-weltlichen Bezirken, zwischen Himmel und Hölle. Und diesen Bereichen werden dann die spezifischen Lebensformen zugewiesen: Zölibat und bewusstes Alleinleben der religiösen Existenz, Ehe und Familie dem weltlichen Leben.
Liebe und Sexualität sollten aber nicht erst dann kirchlich akzeptabel werden, wenn sie in kirchenrechtlich geordneten Bahnen verlaufen. Eine so fixierte Sichtweise wäre ebenso zu überwinden wie überhaupt der Versuch, Religion und Erotik strikt voneinander zu trennen. Sie bilden keinen grundsätzlichen Unterschied, sondern sind das natürliche Spannungsgefüge des Lebens, das anders als in seiner ganzen Fülle nicht bestehen kann. Erotisch wäre eine Religion, die erzählen kann, die zu berühren vermag, die Feste zu feiern versteht, deren eigene Ausdrucksformen sinnlich, also mit allen Sinnen wahrzunehmen sind, die anrührt und besänftigt, die zu streicheln vermag und Tränen abwischt und etwas widerspiegelt vom Lachen der „Kinder Gottes“.
aus: Arnold Mettnitzer, „Couch & Altar“, 2008 by Styria Verlag
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