Primizpredigt für Martin Komarek
Hall, 30. Juni 2002

Du bist schon zu Bett gegangen.
Es klopft.
Du fragst:
„Wer ist da?“
„Ich!“ – ruft jemand.
„Ah Du!“ – sagst Du und öffnest die Tür.

Diese einfache Erfahrung aus unserem Alltag zeigt, was Jesus wohl gemeint hat, wenn er vom Guten Hirten sagt: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich!“ – Vertraute erkennen einander an der Stimme, an einem einzigen Ton, an der Art, wie sie „Ich“ rufen!

Hirte sein in diesem Sinn meint, ein feines Gespür, Fingerspitzengefühl zu haben und zwischen den Tönen unterscheiden zu können…

Eine Mitarbeiterin, die ich scharf zurecht gewiesen habe, hat mir einen Denk-Zettel an meine Bürotür geklebt: „Es kann nicht Aufgabe der Hirten sein, andere zu Schafen zu machen!“ - Vielmehr muss man auch die Hirten immer wieder daran erinnern, dass auch sie nur Schafe sind.

Ein Priester ist kein Engel, - er ist ein Mensch wie andere auch:
Selbst ein Suchender, Mühseliger, Beladener…

Wir sehen heute den Priester nüchterner als je zuvor:
Er ist jemand, der unter dem Auftrag Gottes steht wie jeder andere auch;
er hat nicht eine höhere, sondern eine andere Berufung.

Die Bibel sagt uns: „Derselbe ist der Herr, dasselbe ist das Ziel,
anders ist die Aufgabe.“
In einer meiner Pfarren wurde ich vom Obmann eines Vereines immer wieder mit „Hochwürden“ angesprochen; als ich ihm einmal sagte: „Die höchste Würde ist die Menschenwürde, - und die ist für alle Menschen gleich!“ – hat er mir geantwortet: „Hochwürden, ich werd’ mir das merken.“

In der Erklärung der Russischen Liturgie heißt es sinngemäß:
Der Priester zieht zum Gottesdienst das Messgewand an, nicht, um sich vom Volk zu unterscheiden, sondern, um sich bei dem, was er hier tut, von sich selbst zu unterscheiden.

Liebe Gemeinde! Verwechseln Sie nie einen Priester mit Jesus Christus, auch einen Bischof nicht! Aber fragen Sie sich, was ein konkreter Mensch Ihnen im Namen Gottes sagen will; Sie werden sehr bald merken, dass sie ein Gefühl dafür haben, was Sie brauchen können und was dabei unbrauchbar ist…

In der Weiheliturgie spricht der Bischof zum Weihekandidaten:
„Bedenke, was Du tust,
ahme nach, was Du vollziehst
und stelle Dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes!“

Der gute Hirte weiß sich dem lebendigen Menschen verpflichtet. Das biblische Wort vom „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) ist seine Vorgabe und Zielrichtung.

Martin, Du wirst daran gemessen werden, ob Du die Menschen in größere Freiheit oder in größere Abhängigkeit führen wirst. Paulus schreibt den Korinthern: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude“ (2 Kor 1, 24).

1. Sokratischer Optimismus

Das biblische Bild vom guten Hirten skizziert die Konzeption einer nachgehenden Seelsorge, die die Herde für eine Zeit verlässt, um einem einzigen Schaf nachzugehen.

Das Suchen, das Tragen des Verlorenen ist das „therapeutische Programm“ des Jesus aus Nazareth.

Irenaeus von Lyon: Gloria Dei est homo vivens – Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. In ihm drinnen wohnt Gott, in einem erfüllten, lebendigen Menschen wird Gott verherrlicht.

Das legt die Vermutung nahe, dass die Wahrheit in der menschlichen Person selber liege, dass es möglich sei, sie nach und nach in einem ruhig verlaufenden Gespräch frei zu arbeiten. Im Umgang mit seinen Schülern war Sokrates davon überzeugt, dass sich die Wahrheit aus einem Menschen herausarbeiten lasse, dass sie in ihm sei, dass sie ihm nicht von außen „hineingesagt“ werden müsse.

Wer meint, die Kirche brauche das Lehramt, weil der Mensch die Wahrheit aus sich heraus nicht finden könne, sie müsse ihm „hineingesagt“ werden, bevormundet die Menschen und lässt die Kirche „im Sprung gehemmt“ und abgestürzt erscheinen, wie Helmut Krätzl in seinem Buch darstellt.
Die Gefahren eines solchen Absturzes hat Karl Rahner schon vor einem Vierteljahrhundert geschildert und Teilen der katholische Kirche vorgehalten, dass sie sich mit einer kleinhäuslerischen Sektenmentalität begnügten und sich auf den „heiligen Rest“ ihrer Getreuen beschränkten.

Das Problem bei dieser Entwicklung ist nicht die Minorität, sondern die Mentalität. Und die Zeichen dieser Mentalität werden immer bedrängender:
Ein erschreckender Trend zum Fundamentalismus und ein vielerorts reiner Traditionalismus, wachsende Unwilligkeit, neue Erfahrungen zu machen und eine verständnisunfähige Militanz bei innerkirchlichen Auseinandersetzungen, die in „Inquisitionsnostalgie“ auszuarten droht.

2. Pragmatischer Individualismus

Als guter Hirt wirst Du merken, dass es sich lohnt, einem einzigen Menschen Aufmerksamkeit über lange Zeit hindurch zu schenken: Wochen, Monate und Jahre kann es dauern, bis sich artikulieren lässt, woran die Seele leidet.

Unzählige Stellen im Neuen Testament belegen die individuelle und ausschließliche Zuwendung Jesu einem Einzelnen gegenüber. Das Individuum als unteilbare Ganzheit in seiner Gottebenbildlichkeit steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, ihm wird ein Wert an sich selbst zugesprochen: Dieser Wert steht im Mittelpunkt therapeutischer Begleitung und pastoraler Zuwendung.

3. Methodischer Immoralismus

Eine weitere wichtige Aufgabe des Guten Hirten sehe ich darin, persönliche Wertungen zurückstellen zu können. Ein Hilfesuchender und am Boden Liegender – erst recht ein „verlorenes Schaf“ – will in erster Linie nicht dirigiert, nicht manipuliert, nicht normiert, nicht dogmatisiert, sondern einzig und allein und bedingungslos akzeptiert und verstanden werden.

Dazu kommt, dass die Wahrheit eines Menschen sich nicht moralisch beschreiben lässt. Die gesellschaftlichen und ethischen Standards sind ungeeignet zu wirklicher Hilfe, sie spiegeln bestenfalls die Symptome der Not eines Menschen. Die Frage lautet daher nicht: „Was muss ich tun? Was erwarten die Anderen von mir?“ Die Frage kann einzig und allein nur lauten: „Was geht in mir vor?“

Karl Rahner hat das so formuliert: „Wir müssen dem Menschen von heute wenigstens einmal den Anfang des Weges zeigen, der ihn glaubwürdig und konkret in die Freiheit Gottes führt. Wo der Mensch die Erfahrung Gottes und seines aus der tiefsten Lebensangst und der Schuld befreienden Geistes auch anfanghaft gemacht hat, brauchen wir ihm die sittlichen Normen des Christentums nicht zu verkündigen...“

Der bibeltheologische Befund zeigt z.B. bei Mk 2, 1-12, wie ein Gelähmter zu Jesus gebracht und durchs Dach zu ihm hinuntergelassen wird. Das erste Wort, das Jesus zu ihm sagt, lautet: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ - einfach so, ohne Diagnose, ohne Nachfrage, einfach auf den Kopf zu als Auftakt eines Miteinanders und als Voraussetzung folgender Heilung. Egal, was war, und gleichgültig, was geschehen wird: Es ist die Begegnung der Moment der Vergebung jenseits allen moralischen Richtens und Wertens. Wo jemand am Boden liegt, hilft kein „du sollst!“, sondern einzig und allein der Primat der Gnade: Dem Verbrechen wird Verstehen entgegengehalten, der Gewalt die Güte, dem Hass die Liebe;
Hebammendienst, nicht Richterspruch ist so verstanden die pastorale Grundhaltung eines „guten“ Hirten.

4. Phantasie als Grundnahrungsmittel

Dorothee Sölle nennt die Phantasie „die Mutter aller Tugenden von morgen“.
In unserer Erziehung wurden wir vertraut gemacht mit den „alten“ Tugenden der Opferbereitschaft, der Selbstverleugnung und des Gehorsams.

Gehorsam aber in dem Sinn, dass eine bestehende Ordnung aufrechterhalten bleibt, genügte Jesus nicht. Er erwartete, dass die, die ihm nachfolgen, die Welt verändern. In diesem Sinn hat er den Gehorsam als starres System, als Selbstzweck, abgelöst: Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit und Fleiß, haben nur dann Sinn, wo sie im Dienst der Einfühlung in den anderen Menschen stehen.

Es ist ein ethische System denkbar, in dem sich alle Tugenden auf Phantasie gründen. Einige dieser Tugenden, die gerade für ein Zusammenleben der Menschen wichtig sind, lauten:
TOLERANZ (es z.B. aushalten können, dass auch andere ihre unverwechselbaren Erfahrungen gemacht haben),
HUMOR („lach über Dich selbst, bevor es andere tun“),
GERECHTER, HEILIGER ZORN (ein geistlicher Meister klagt darüber, dass man im Christentum so viel von „Schafen“ spricht und kaum wo die „Löwen“ merkt),
INITIATIVE,
BEHARRLICHKEIT und
EINFALLSREICHTUM….

Die Phantasie eines solchen Glaubens lässt sich das Reich Gottes als Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens unter Menschen nicht ausreden.

Von Bernhard von Clairvaux stammt der Satz:
„Als die Kelche der Priester
noch aus Holz waren,
waren ihre Herzen
noch aus Gold.“

Lieber Martin!
Ich wünsche Dir
für Deinen Hirtendienst
ein Herz aus Gold!


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