Liturgie, Sakrament der Ekstase
Die Messe als Da-Sein und Ganz-weg-Sein
Ich war Seelsorger in Klein St. Paul, einer kleinen Industriegemeinde in Kärnten, als völlig unerwartet der Direktor des „Berliner Ensembles“, vormals Direktor des Wiener Burgtheaters, Claus Peymann, sich nach den „Beginnzeiten meiner Vorstellung“ erkundigte, verbunden mit dem Ansinnen, am kommenden Sonntag den Pfarrgottesdienst besuchen zu wollen. Bestens auf meine Predigt vorbereitet, ich musste schließlich einem Theaterdirektor eine würdige „Vorstellung“ bieten, war ich nicht sehr überrascht, am Ende der Messe sein fachmännisches Lob zu vernehmen. „Was ich heute hier erlebt habe, kriege ich als Theaterdirektor auf keine Bühne!“
Wirklich überrascht war ich allerdings, als ich erst nach einem mehrstündigen, ausgiebigen Mittagessen erklärt bekam, worauf sich dieses Lob des großen Theatermachers bezog. Was Claus Peymann, den Meister der Dramaturgie, so beeindruckt hatte, war nicht die gründlich vorbereitete Predigt und auch nicht der an diesem Tag ganz bewusst eingesetzte liturgische Gesang des Zelebranten oder sonstige bemerkenswerte liturgische Details. Nein, seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Moment der Wandlung – jener kurze Augenblick, in dem der Priester die Hostie, den Leib Christi, zum Himmel emporhebt.
Dieser winzige Augenblick völliger Stille in einer kleinen Dorfkirche am Rande der Welt hatte es vermocht, selbst einen so routinierten, weltmännisch verwöhnten Theater-Profi wie Claus Peymann für einen Moment außer Gefecht zu setzen und buchstäblich sprachlos zu machen. Und mir wurde erschreckend bewusst, wie wenig wir Christenmenschen im Grunde von den Abgründen der Messe wirklich begriffen haben. Da absolviert jeder halbwegs pflichtbewusste Christ seine von ihm erwartete Sonntagspflicht, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, dass die Messe ein „Mysterium tremendum“ ist, das an die Pforten der Ewigkeit heranführt.
Dieses Ereignis liegt nun schon einige Jahre zurück. Inzwischen habe ich mein Priesteramt gegen das eines Psychotherapeuten eingetauscht. Im Nachhinein betrachtet, ein durchaus logischer Schritt. Der Pfarrer meiner Kindheit war Seelsorger und Therapeut in einer Person. War einer, der am Sonntag die Menschen um den Altar versammelt, der mit ihnen betet und singt und bei Hausbesuchen allein durch sein Auftauchen die Atmosphäre im Raum verzaubert. Und so einer wie er wollte ich werden. Diese Faszination war Anlass genug, Theologie zu studieren und katholischer Priester zu werden. Vollendet hatte sich schließlich mein Kindertraum, Seelsorger im Sinne Jesu zu sein, erst als ich nach einer entsprechenden Ausbildung meine Berechtigung, als Psychotherapeut zu arbeiten, in Händen hielt. Trotz dieses beruflichen Wechsels ist die Messe – die Quelle, aus der ich bis dahin als Priester schöpfen durfte – weiterhin eine Herzensangelegenheit für mich geblieben.
Da-Sein, Ganz-weg-Sein. Das sind zwei ganz starke Erfahrungen, die ich von allem Anfang an mit der Messe verbunden habe. Außer-sich-Sein. Die Liturgie als Sakrament der Ekstase, als Psychopharmakon. Ja, auch das! Hatte doch Jesus selbst gesagt, „kommt alle zu mir, die ihr euch mit schweren Lasten herumzuschlagen habt. Ich werde euch Kraft geben“ (Mt 11,28).
Himmel und Erde zusammenführen, das verhängnisvolle Splitting zwischen hüben und drüben, oben und unten, heilig und sündig, letztlich zwischen Gott und Mensch überbrücken, das Göttliche in uns erfahrbar machen, das ist die heilende Wirkung der Liturgie.
Und dann am Ende der Messe dieses „Ite missa est“! Dieser herrliche Auftrag: Geh jetzt hin und mach etwas daraus. Geh, mach dich auf deinen Weg und begegne dem Göttlichen in dir. Diese Einladung, das „Ite missa est“, steht zwar erst am Ende der Messe, zugleich stellt es mich auf den Weg im Sinne der Schrift, wenn Jahwe zu Abraham spricht: „Geh einher vor meinem Antlitz! Sei ganz!“ (Gen 17,1).
Auszug aus dem Beitrag von Arnold Mettnitzer „Die heilige Messe" kultisch, szenisch, sinnlich, mystisch; echter verlag