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Psychotherapie

Individualpsychologie

Nähe und Distanz

Richtlinien für partnerzentrierte Gespräche

Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern - ADHS

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Psychotherapie

Die Psychotherapie ist eine wissenschaftlich-praktische Tätigkeit, die in der konkreten Beziehung zwischen zwei Menschen psychisches Leid zu heilen oder zu lindern versucht. Seelische und zwischenmenschliche Konflikte können in diesem „Abenteuer zu zweit“ bewußt gemacht und im Ansatz bewältigt werden.
Dabei hat sich in meiner persönlichen Erfahrung gezeigt, daß die Beschäftigung mit Fragen der Religion, der Kunst und der Literatur wesentliche Hilfestellungen zu leisten vermag.

In meiner Arbeit als Seelsorger, geistlicher Begleiter von Jugendlichen und in der MItverantwortung bei der Leitung eines Bildungshauses, konnte ich in viele Bereiche der menschlichen Seele blicken. Dabei wurde mir bewusst, dass für ein vertrauenvolles Miteinander Kunst, Literatur, philosophische und theologische Überlegungen das Unsagbare der menschlichen Seele zu benennen helfen. Die solcherart gewonnenen Erfahrungen kommen heute meiner therapeutischen Arbeit zugute.
Es ist mir deshalb ein Anliegen, mir persönlich wichtig gewordene literarische Zeugnisse aus den Bereichen von Kunst, Literatur, Philosophie und Theologie den Besuchern meiner Homepage anzubieten.


Individualpsychologie

Schöpfer der tiefenpsychologischen Methode der Individualpsychologie ist der Österreicher Alfred Adler (1870-1937), der zuerst dem Kreis um Freud angehörte. Er ging bei seinem Ansatz in Abhebung zu Freud davon aus, dass jeder Mensch über ein angeborenes Potential an Gemeinschaftsgefühl verfügt. Besondere Beachtung wird der Lebensleitlinie, dem Lebensstil eines Menschen geschenkt, worunter die spezifische Art eines Menschen, Schwächen und Unsicherheiten zu kompensieren, verstanden wird. Adler prägte Begriffe, die auch in der Alltagssprache Eingang gefunden haben, wie "Minderwertigkeitsgefühl" oder "Minderwertigkeitskomplex" (Kompensation eines durch Organminderwertigkeit, ökonomische oder soziale Benachteiligung hervorgerufenen Minderwertigkeitsgefühls). Die therapeutische Praxis ist final statt kausal ausgerichtet, d.h., es wird mehr das "Wozu" als das "Warum" seelischer Vorgänge herausgearbeitet. Dabei werden alle Äußerungen, wie z.B. Gestik, Träume etc., beachtet und als ein Teil der ganzen Person mit ihrem spezifischen Ausdruck begriffen. Die Therapie verläuft in zwei Phasen, einer analytischen und einer synthetischen (integrierenden). Der Therapeut bewahrt eine "gleichmütige Hilfsbereitschaft" und ein "wohlwollendes Zuschauen" bzw. ermutigt in der zweiten Phase den Klienten zu mehr Aktivität. Von den drei Therapiezielen "Arbeitsfähigkeit", "Liebesfähigkeit" und "Mitmenschlichkeit" kommt der Mitmenschlichkeit in der Individualpsychologie der größte Stellenwert zu, da die psychische Gesundheit am Grad der Beitragsleistung für die Gemeinschaft gemessen wird. Der Patient liegt auf der Couch oder sitzt dem Psychtherapeuten gegenüber, um eine menschliche Begegnungsform zu ermöglichen.

Österreichischer Verein für Individualpsychologie


Nähe und Distanz

In der Psychotherapie versteht man unter Empathie die Fähigkeit, „mit den Augen eines anderen zu sehen und mit dem Herzen eines anderen zu fühlen“ (Alfred Adler). Dieses Einfühlungsvermögen ist nur zu erreichen, wenn der Analytiker für einige Zeit auf einen Teil seiner eigenen Identität verzichtet. Die Empathie ähnelt so dem Vorgang der „ernsthaften Täuschung“, die man erlebt, wenn einem ein Kunstwerk, eine Aufführung oder ein Werk der Dichtkunst bewegt: „Sie ist eine intime, nonverbale Form, Kontakt herzustellen“ (Greenson, 1960, S.391).

Damit die Empathie sich lohnt, so Greenson (ebd.), „sollte der Analytiker einen reichen Schatz persönlicher Lebenserfahrung haben, auf den er zurückgreifen kann, um den Patienten leichter zu verstehen. Dazu sollten gute Kenntnisse in Literatur, Dichtung, Theater, Märchen, Volksbräuchen und Spielen kommen. All diese Ingredienzien tragen zu einer lebhaften Vorstellungskraft und einem lebendigen Phantasieleben bei, die für die analytische Arbeit von unschätzbarem Wert sind. Die Welt der Illusionen des Menschen, seien es Theater, Musik, Kunst, Märchen oder Tagträume, hat es mit universellen Erlebnissen zu tun und verbindet die Menschheit. In diesen Medien sind wir einander näher als in unseren bewussten Tätigkeiten oder sozialen Institutionen.“
Die psychoanalytische Situation ist eine Beziehung, die in ihrer Eigenart nur paradox beschrieben werden kann; diese Beschreibung allerdings führt uns ins Zentrum unserer Fragestellung:
„Der Analytiker muss in der psychoanalytischen Situation echt und natürlich sein, und sich deren ‘Künstlichkeit’ und Professionalität bewusst bleiben. Dieses Paradox ist nicht etwa eine lästige Störung, die es in Kauf zu nehmen gilt. Es ist die notwendige Voraussetzung einer Beziehung, in der Übertragung bearbeitet und verändert werden soll, und macht den Kern der spezifischen Einstellung aus, die wir die psychoanalytische Haltung nennen:
Der Analytiker muss dem Patienten gegenüber offen, echt und natürlich, und gleichzeitig distanziert und neutral sein. Stone (...) hat die psychoanalytische Beziehung treffend als ‘Versagung in der Intimität’ und als ‘Zustand intimer Trennung’ gekennzeichnet. Der Analytiker wendet sich dem Analysanden emotional und in exklusiver Weise zu. Er wird zur begehrten Person, welche die unbewussten Wünsche, Phantasien und Konflikte des Analysanden auf sich zieht. Gleichzeitig bleibt er Analytiker und nur Analytiker, wahrt er den Übertragungskonflikten gegenüber Distanz und Neutralität. Er nimmt Wunsch und Abwehr gleichermaßen auf und widersetzt sich ihnen. Beide Beziehungsaspekte - Zuwendung und Versagung - sind notwendig, um die Übertragungskonflikte in der psychoanalytischen Situation zu halten und durchzuarbeiten.
Auf den ersten Blick mag die psychoanalytische Haltung als die Quadratur des Kreises erscheinen. Aber so befremdlich und ohne Vorbild ist sie bei genauerem Hinsehen nicht. Jede Beziehung hat ihr je eigenes Verhältnis von Nähe und Distanz.
Was echt und natürlich ist, ist nicht absolut, sondern hängt von der individuellen Beziehung und der jeweiligen Situation ab. Was einmal echt ist, mag ein andermal ein Affront sein. In der psychoanalytischen Situation ist es natürlich und echt, die Beziehung selbst zu hinterfragen und zu deuten. In einer außeranalytischen Beziehung zu deuten ist hingegen bestenfalls befremdlich, meistens aggressiv, nicht selten sadistisch, die Deutung mögen so evident sein und so einfühlend daherkommen wie sie wollen.
‘Es ist anmaßend, in einer gesellschaftlichen oder familiären Situation unaufgefordert als Analytiker aufzutreten. Doch es ist ein technischer Fehler, in der Beziehung zu einem analytischen Patienten etwas anderes als Analytiker sein zu wollen’ (Brenner).


Richtlinien für partnerzentrierte Gespräche

1. Zuhören können. Zurückhaltung mit eigenen Beiträgen fördert die Entfaltungsmöglichkeit des Partners.
2. Nicht unterbrechen, wenn der Partner sich stark selbst exploriert. Unterbrechen, wenn er zu viele Gefühle anbietet oder zu sehr im Erzählen äußerer Sachverhalte bleibt.
3. Pausen gewähren und selber aushalten.
4. Jede Äußerung wichtig nehmen. Mitunter wird das Problem in einer nebensächlichen Äußerung signalisiert.
5. Auf das achten, was nicht gesagt wird. „Bitte höre, was ich nicht sage!“
6. Vorsichtiges Eingreifen bei Formulierungsschwierigkeiten, bei der Prüfung, ob man richtig verstanden hat, bei starken Ängsten.
7. Auf sich selbst achten. Gelingt es mir, eine partnerschaftliche Haltung zu verwirklichen, aufgrund eigener emotionaler Betroffenheit das Gespräch nicht zu stören, durch Beobachtung Übertragungsphänomene bei mir und beim Partner zu erkennen, mein Verhalten selbstkritisch zu reflektieren.
8. Keine Urteile fällen. Das positive und negative Urteil ist durch eigene Wertmaßstäbe gekennzeichnet. Wertungen lösen Ängste aus.
9. Keine Ratschläge erteilen. Das Erfassen einer persönlichen Situation ist kaum möglich. Die Selbständigkeit des Partners wird durch Ratschläge beeinträchtigt. Merke: Ratschläge können sehr leicht zu Schlägen werden!!
10. Bemitleidende Worte vermeiden. Sie verstärken negative Emotionen oder führen zu Auflehnung und Protest.
11. Keine gönnerhafte Haltung oder schnell tröstende Worte. Der Partner fühlt sich nicht ernst genommen.
12. Fragestellungen vermeiden. Nur so wird die Achtung vor der Persönlichkeit des Partners gewährt, andernfalls zwingt man ihn zu Aussagen, die ihm vielleicht unangenehm sind, oder schafft Extremsituationen.
13. Sachliche Informationen geben. Zurückhaltung von Informationen stört das Vertrauensverhältnis oder wird als unecht empfunden.
14. Nicht die eigenen Gefühle und Empfindungen auf den Partner übertragen. Auf dessen Empfindungsmöglichkeiten zu achten, fördert die Einsicht in die Zusammenhänge seiner Gefühle.
15. Nichts in den Gesprächsverlauf hineinmanipulieren. Geduld und Toleranz, auch wenn man als Berater Zusammenhänge mitunter schneller überblickt, geben dem Partner die Chance, sein Problem selbst zu lösen.
16. Rechtzeitig von äußeren Gegebenheiten auf die emotionale Ebene kommen. Das erspart Zeit, da die Verarbeitung einer Problematik nur auf emotionaler Ebene möglich ist. (Von Descartes‘ „Cogito, ergo sum“ bis zur „Affektlogik“ von Luc Ciompi: Jeder unserer Gedanken ist von Affekten begleitet)
17. In die Gegenwart führen. Was von der Vergangenheit berichtet wird, hat noch Gegenwartsbedeutung. Frage: „Warum erzählt er/sie das?“
18. Auf Widersprüche nur vorsichtig aufmerksam machen. Konfrontation führt zu Unsicherheit und ängstlicher Selbstbeobachtung.
19. Sich nicht in intellektuelle Auseinandersetzungen einlassen. Je intellektueller, sachbezogener ein Gespräch geführt wird, desto mehr verbirgt es das eigentliche Problem. Rationalisierungen sind oft symptomatisch für Kommunikationsängste („organisierter Widerstand“).
20. Möglichst nicht über eine Äußerung lachen oder Verwunderung ausdrücken. Andernfalls entsteht das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Merksatz: Sie müssen ihr Gegenüber wahr-nehmen, alles, was sich Ihnen zeigt, als Erscheinungsform von Wahrheit ernst nehmen!

 


Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern - ADHS
Barbara Mettnitzer im Gespräch mit Arnold Mettnitzer
im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik
März 2007

Kinder, die nervös sind und überaktiv durchs Leben hetzen, die sich nicht konzentrieren können, die extrem ungeschickt und aggressiv sind, gibt es scheinbar immer häufiger. Worauf ist dies, deiner Meinung nach, zurück zu führen?

Mein Lehrer Erwin Ringel hat immer wieder davor gewarnt, sich bei der Beantwortung von psychologischen Fragen als „Wetterfrosch“ zu betätigen; das bedeutet in diesem Falle: Es ist unmöglich, vom Schreibtisch aus Nervosität, Überaktivität, Konzentrationsschwächen, ungeschicktes und/oder aggressives Verhalten von Kindern zu beurteilen. Grundsätzlich gilt: „Wer Schwierigkeiten macht, hat Schwierigkeiten!“ Woher diese Schwierigkeiten aber kommen, was sie im konkreten Leben eines Kindes bedeuten, worauf sie hindeuten, was sozusagen der „psychokriminologische Inhalt“ dieser Probleme ist, zeigt sich erst in einem geduldigen Miteinander, das zu einem langen Abenteuer zu zweit werden kann. Kindern, aber auch seelisch leidenden Erwachsenen ist diesbezüglich mit Schnelldiagnosen nicht zu helfen.

Ist ADHS ein Phänomen unserer Zeit oder eine Erkrankung „mit Vergangenheit“?

Eine Erkrankung „mit Vergangenheit“ ist dieses Syndrom auf jeden Fall und das mindestens in doppelter Hinsicht:

Erstens: Die erste Beschreibung des Problems ist über 100 Jahre alt. Die Symptome sind also schon lange bekannt. Die vom Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann 1845 sehr anschauliche Darstellung des Krankheitsbildes als "Zappelphilipp" im "Struwwelpeter" ist kulturelles Allgemeingut geworden. Eine genauere Ursachenforschung hat es damals aber noch nicht gegeben.

Zweitens: Nach neuestem Wissensstand der Gehirnforschung wissen wir ein wenig mehr darüber, wie unser Gehirn funktioniert: Die Nervenzellen des menschlichen Gehirns sind in erster Linie untereinander verbunden. Das Gehirn erschafft die Welt, es „macht“ Erfahrungen, es trägt Repräsentanzen in sich hinein:
Zellen, die miteinander aktiv sind, verbinden sich untereinander.
Zellen, die nicht aktiv sind, trennen ihre Verbindung wieder (nach dem Prinzip: „use it or loose it!“
Unser Gehirn ist also formbar wie frisch gefallener Schnee (nach Manfred Spitzer). Diese „Spuren im Schnee“ sind unsere „Lernerfolge“ und verfestigen sich durch Wiederholung…
Darum ist es für Kinder wichtig, dass sie Lerninhalte wiederholen und dass durch die Wiederholung Wissen sich tiefer in unsere dadurch vermehrt vernetzten Gehirnzellen einprägt. Schon die alten Römer kannten das Wort: „Die Wiederholung ist die Mutter der Weisheit“. Wenn also ein Kind in seiner Umgebung nicht in Ruhe die Gelegenheit zur Wiederholung geboten bekommt und so seine ersten positiven „Lebenserfahrungen“ machen kann, dann hat das meines Erachtens nachhaltige negative Folgen für das spätere Leben; -und diese zeigen sich unter Umständen auch als eingangs beschriebene Symptomkette…
Fragt man darüber hinaus nach einer möglichen genetischen Veranlagung, so nehmen Fachleute bei ADHS eine zumindest genetisch mit bedingte neurobiologische Störung an. Betroffen sind die Stammganglien und das Frontalhirn. Diese Gehirnabschnitte sind für Aufmerksamkeit, Ausführung und Planung, Konzentration und Wahrnehmung verantwortlich. Mögliche Hinweise auf eine genetische Veranlagung liefert das häufig zu beobachtende gleichzeitige Auftreten der Erkrankung bei Geschwistern, Eltern oder anderen Verwandten. Das aber könnte durchaus auch bedeuten, dass das prägende Umfeld einen erheblichen Einfluss ausübt. Denn: Unser Gehirn ist wesentlich auf soziale Interaktion angelegt. Zwischenmenschliche Beziehungen haben eine kaum zu überschätzende, gehirnphysiologisch messbare Auswirkung auf die persönliche Entwicklung eines Menschen. In diesem Zusammenhang erscheinen ADHS-Kinder nicht selten bis fast immer als Symptomträger eines neurotisch auffälligen Familienverbandes.
In diesem Zusammenhang ist die Frage, was uns mehr prägt, Umwelt oder Gene, nach neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung überholt, weil beides einander zu beeinflussen scheint und sich in ständiger Wechselwirkung befindet.

Ist es möglich, dass die Grundlagen von Verhaltensauffälligkeiten schon im Mutterleib gelegt werden?

Pränatal- und Säuglingsforschung belegen immer eindrücklicher die prägende Wirkung seelischer Erlebnisse der Mutter in der Schwangerschaft für das künftige Verhalten eines Menschen.

Die Diagnose Hyperaktivität darf nur von Fachleuten gestellt werden. Selbst für erfahrene Ärzte ist das nicht einfach. Worauf sollte vor einer solchen Diagnose besonders geachtet werden.

Der zeitaufwendige Weg zur exakten Diagnose von ADHS wie jeder anderen Diagnose ist schwierig und mit hoher Verantwortung verbunden. Die Verantwortung sehe ich vor allem darin, einem Kind und seinen Bezugspersonen durch eine Diagnose eine Hilfestellung und kein soziales Stigma anzutun. Die Leitsymptome Aufmerksamkeits-Defizit, Hyperaktivität und Impulsivität sind bei jedem ADHS-Patienten unterschiedlich ausgeprägt. Und diese Leitsymptome müssen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten beobachtet worden sein und mit Hilfe von Fragebögen erfasst werden. Dabei werden Schilderungen der Familiengeschichte, Beschreibungen der Entwicklung des Kindes sowie Fremdbeschreibungen von Kindergarten und Schule einbezogen. Bei Bedarf erfolgen neurologische und neuromotorische Untersuchungen, computergestützte Aufmerksamkeitstests und psychologische Tests. Diese Verfahren brauchen bei allen Beteiligten viel Verständnis und Geduld, sie können zu einem nervenaufreibenden und kräfteraubenden Spießrutenlauf werden, der das Klima im Familienverband sehr belastet. Das Kind erlebt das dann unter Umständen als eine weitere Störung, für die es sich schuldig fühlt. Das zu vermeiden halte ich für eine ganz wichtige Aufgabe der mit der Diagnose befassten Personen. Darüber hinaus sollte alles unternommen werden, ADHS so früh wie möglich zu erkennen. Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto größer die Chance, bereits bestehende Entwicklungsdefizite auszugleichen und die familiäre Gesamtsituation wieder harmonischer zu gestalten.

Gibt es objektive und zuverlässige Testverfahren, die die Diagnose von ADHS erleichtern?

Diese Testverfahren gibt es und die zur Erstellung einer Diagnose erforderlichen Testverfahren müssen objektiv und zuverlässig sein, aber die alleinige Konzentration auf die Aussage dieser Tests ist nicht zu verantworten und wird fahrlässig, wenn darüber hinaus nicht, wie oben beschrieben, Umfeld, Familiengeschichte etc. abgeklärt worden sind.

Besonders hochbegabte und aufgeweckte Kinder können einen hyperaktiven Eindruck machen weil sie ständig in Bewegung sind. Ist hyperaktives Verhalten eindeutig interpretierbar?

Das ist die Schwierigkeit jeder Diagnose und Behandlung: Es gibt kaum Eindeutigkeit. Jeder Mensch ist einzigartig und unverwechselbar. Jeder ist anders. Und wenn wir es mit der seelischen und persönlichen Not eines Menschen zu tun bekommen, dann brauchen wir lange, bis wir annähernd verstehen, was in ihm vor sich geht. Das Dilemma menschlicher Kommunikation besteht ja auch im Alltag darin, dass wir vom Anderen einen Teil seines Wesens verstehen, einen anderen Teil aber nicht, und weil wir glauben einen Teil von ihm verstanden zu haben, glauben wir auch in den anderen Dimensionen seines Wesens Bescheid zu wissen und so geschieht es ja immer wieder auch im medizinischen und im therapeutischen Bereich, dass wir uns voneinander ein Bild machen und so tun, als würden wir uns verstehen, dabei bleibt vieles unverstanden und unerkannt. Alfred Adler spricht in diesem Zusammenhang von „selektiver Wahrnehmung“ oder von „tendenzieller Apperzeption“.
Dabei wird das Bild des Anderen umgeformt, überformt, oft ganz verändert.
Romano Guardini hat einmal sinngemäß gesagt: „Man merkt gar nicht, dass das, was wir Verstehen nennen im Grunde nur Selbstbestätigung ist!“ In der Therapie und erst recht in der Pädagogik wäre das ein fataler Fehler, der dem Kind einen zentralen Aspekt seines Wesens vorenthält. Darum möchte ich eindringlich warnen vor jeder „eindeutig interpretierbaren“ Diagnose. Vielmehr müssen wir bei der Behandlung gerade von Kindern unser Tun immer wieder in Frage stellen und uns durch Supervision fragen lassen, ob wir durch therapeutisches Handeln diesen Kindern gerecht werden, oder ob sie etwas anderes von uns brauchen.

Es wird von vielen Eltern und anderen Bezugspersonen von ADHS-Kindern berichtet, dass sie bei der Erziehung dieser Kinder an ihre eigenen Grenzen stoßen und oft nicht mehr weiter wissen. Hast du mit solchen Menschen, durch deine Arbeit als Psychotherapeut, Erfahrung? Welche Tipps würdest du diesen Leuten geben um den Alltag mit diesen Kindern zu erleichtern?

Es gibt Erziehungsberatungsstellen, Erziehungshilfeinstitute (child guidance institutes), Kindertherapeuten und nützliche Literatur, die hier weiterhelfen können…

Ein Aspekt, der vordergründig betrachtet trivial erscheinen mag, ist mir hier besonders wichtig: Jeder, der mit ADHS-Kindern zu tun hat, muss wissen, dass er das dort erlebte Verhalten nicht persönlich nehmen und emotional darauf reagieren darf; andernfalls trägt das zu weiterem „Aufschaukeln“ der Problematik bei. Und noch etwas: Es ist von entscheidender Bedeutung, zwischen Verhalten und Person unterscheiden zu können und in den unmittelbaren emotionalen Reaktionen beides auseinander zu halten und nicht zu verwechseln. Es ist ein grundlegender Unterschied, ob ich sage: „Dein Verhalten finde ich unerträglich!“ oder ob ich sage: „Du bist unerträglich!“ Im ersten Fall ist das Verhalten, im zweiten die ganze Person in Frage gestellt und damit abgelehnt.

Darüber hinaus bin ich persönlich bei Tipps und jeder Art von Ratschlägen sehr vorsichtig. „Ratschläge“ können sehr schnell „Schläge“ werden und gut gemeint ist in vielen Fällen nicht gut genug.

Grenzerfahrungen, Entmutigung, „Nicht-weiter-wissen“, „Vor-lauter-Bäumen-den-Wald-nicht-mehr-sehen“… das ist mir aus vielen Patientengesprächen gut bekannt. Eltern, die hier nicht mehr weiter wissen, wollen nach meinen Erfahrungen in erster Linie nicht billig getröstet oder gar vertröstet werden; sie suchen jemanden, der versucht, sie zu verstehen, der zuhört und einfühlsam mitdenkt und so an der persönlichen Not teilnimmt. Ich denke in diesem Zusammenhang gerne an Michael Endes MOMO: Von ihr wird berichtet, dass sie so zuhören kann, dass Eingeschüchterte und Entmutigte plötzlich wieder die Kraft in sich spüren aufzustehen, Fragen zu stellen und weiter zu kämpfen… Es gibt eine Art des Zuhörens, die heilt, Kraft gibt und ermutigt.

Stand: 15.03.2007


Links

www.psyonline.at
www.psychotherapie.at
Österreichischer Verein für Individualpsychologie