Die Angst vor dem Regentropfen

Sonntagskommentar 23.02.2020 | KLEINE ZEITUNG

„Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen.

Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen 

keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes 

sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. 

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Levitikus 19, 17 – 18

 

Hass zerfrisst das Herz. Hass zersetzt Beziehungen. Wer aber vergibt, ist Gott ähnlich. Der ägyptische Mystiker Henry Boulad ermutigt mit diesem kühnen Gedanken dazu, durch Vergeben und Verzeihen in die Rolle eines barmherzigen Gottes zu schlüpfen. Denn dadurch wird die „Psycho-Logik der Liebe“ sichtbar, die sich von Rückschlägen nicht entmutigen und von nichts, nicht einmal vom Undank, daran hindern lässt, bedingungslos auf andere Menschen zuzugehen. Solches Vergeben ist der heilsam innerste Kern alles Lebendigen, die Seele jeder gelebten Beziehung. Deshalb gilt: Nicht Hass, nicht Rache, sondern Vergebung ist süß! Nicht Richtersprüche, sondern Gesten der Versöhnung garantieren tragfähige Beziehungen. Angelpunkt dieser „Psycho-Logik“ ist das biblische Doppelgebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Immer noch wird in der christlichen Verkündigung diese Liebe zu sich selbst als Stiefkind behandelt und die Nächstenliebe als Liebkind verhätschelt. So aber kann nicht verstanden werden, dass die entwicklungspsychologische Voraussetzung für ein gelungenes Leben eine gut fundierte Liebe zu sich selbst ist; beide Gebote verweisen aufeinander und bedingen sich gegenseitig. Deshalb übersetzt die rabbinische Tradition das biblische Doppelgebot mit: „Liebe deinen Nächsten! Er ist wie du!“ Und Bernhard von Clairvaux rät seinem Schüler, Papst Eugen III, bei all seinen Verpflichtungen auf sich selbst nicht zu vergessen. Denn: Wer sich selbst nicht mag, kann andere nicht mögen, wer mit sich selbst nicht gut umgeht, kann es auf Dauer auch mit anderen nicht. Ein paar Jahrhunderte später preist Paracelsus den Menschen als die beste Medizin für den Menschen und formuliert damit etwas, das die moderne Neurobiologie gerade wiederentdeckt: Die Überzeugung nämlich, dass die größte Sehnsucht des Menschen darin besteht, einem anderen Menschen als Mensch zu begegnen. Wenn diese Sehnsucht enttäuscht wird, trifft uns das mitten ins Herz. Die Navajo-Indianer sagen bei solchen Gelegenheiten, jemand benehme sich wie einer, der keine Verwandten hat und bringen damit den höchsten Grad an Abneigung diesem Menschen gegenüber zum Ausdruck. Bert Brecht hat dagegen den unübertroffen-schönen Satz formuliert: „Der, der mich liebt, hat mir gesagt, dass er mich braucht. Darum gebe ich auf mich acht, sehe auf meinen Weg und fürchte bei jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.“ 

 

23.02.2020