Hilf dir selbst

Sonntagskommentar 24.11.2019 | KLEINE ZEITUNG

 

In jener Zeit verlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, 

wenn er der erwählte Messias Gottes ist.

Auch die Soldaten verspotteten ihn; 

sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: 

Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!

Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: 

Das ist der König der Juden.

Lk 23, 35-38

 

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Irgendetwas an dieser Redensart hat mich immer schon gestört: Vielleicht aus dem Wunsch, möglichst auf niemanden angewiesen zu sein und andere nicht um Hilfe bitten zu müssen? Vielleicht aufgrund der schmerzlichen Erfahrung, in schwierigen Lebenssituationen vergeblich um Hilfe gebeten zu haben und zu guter Letzt alleine geblieben zu sein? Vielleicht aber auch deshalb, weil ich unverhofft oft erfahren durfte, was eine andere Volksweisheit so beschreibt: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her!?“ Der Theologe in mir hat sich jedenfalls immer schon daran gestoßen, Gott als harmlosen Wicht zu begreifen, den man am besten um überhaupt nichts bittet, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen!

Menschen brauchen Menschen! Weil Menschen Gemeinschaftswesen sind, besteht ihre größte Sehnsucht darin, die anderen Menschen als Menschen zu erleben. Nichts kränkt sie mehr als ausgegrenzt, abgelehnt und „nicht einmal ignoriert“ zu werden. Daraus dürfen sie schließen: Wenn der Mensch in allem Sehnsucht nach dem Menschen hat, wieviel mehr erst dann, wenn er in Not gerät und vor den Trümmern seiner Existenz steht!? Helfen ist menschlich! Helfen ist das Menschlichste am Menschen. Im Helfen bringt ein Mensch sein Menschsein zum Leuchten. Das Gegenbild dazu hat uns ein zu schnell verstandener Darwinismus geliefert: Der Erfinder der Evolutionstheorie habe, so meinen viele, vom Überleben des Stärkeren gesprochen und davon, dass der Mensch seine Abstammung vom Tier tagtäglich seinen Mitmenschen unter Beweis stellt; die Grausamkeit, zu der Menschen fähig wären, übersteige das tierische Fressen und Gefressen werden, meinen sie! Aber Darwin spricht nicht vom Recht des Stärkeren, sondern vom Überleben des Fitteren! Und fit ist, wer schneller helfen und sich so mit anderen für ein gemeinsames Überleben zusammentun kann. Weil sie von vornherein nie wissen, was sie im Ernstfall voneinander brauchen können, sind Menschen deshalb gut beraten, das Leben als Schule des Helfens zu begreifen, sich in sozialer Kompetenz zu üben, Teamgeist zu erproben und Mitmenschlichkeit zu leben. 

Der Redensart „Wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht zu kümmern“ stellt Marie von Ebner-Eschenbach im Jahre 1911 die ermutigende Alternative gegenüber: „Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns den Halt im Leben.“

 

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