Ich hole euch aus euren Gräbern

Sonntagskommentar 29.03.2020 | KLEINE ZEITUNG

So spricht Gott, der Herr:

Ich öffne eure Gräber 

und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.

Ich bringe euch zurück in das Land Israel.

 

Wenn ich eure Gräber öffne 

und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, 

dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.

Ich hauche euch meinen Geist ein, 

dann werdet ihr lebendig, 

und ich bringe euch wieder in euer Land. 

Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.

Ich habe gesprochen,

und ich führe es aus

- Spruch des Herrn.

Ez 37, 12b-14

 

ICH HOLE EUCH AUS EUREN GRÄBERN 

 

„Ich hole euch aus euren Gräbern!“ Was für ein wunderbarer Satz! Ich lese ihn nicht so sehr als Zusage einer Auferstehung am sogenannten Jüngsten Tag, vielmehr im Blick auf die Grabkammern unseres Lebens, in die wir uns aus Angst und Mutlosigkeit verkriechen in der Hoffnung, dort in Ruhe gelassen zu werden. Solange ein Mensch auf diese Weise sein Licht unter den Scheffel stellt, glaubt, dass es auf ihn ja nicht ankäme, solange ist er auf der Flucht. Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal meinte vor bald 400 Jahren, dass viele von uns als Kopien zu Grabe getragen würden, obwohl wir doch alle als Originale geboren wurden. Gesetzt den Fall, es wäre so, und es käme jemand mit einem scharfen Blick für dieses Original in uns, das Einmalige, Kostbare, Großartige und Unverwechselbare und er würde uns anrühren und dazu motivieren, selbstbewusst zu zeigen, was wir können, zu leuchten und zu glänzen, wir hätten plötzlich die Kraft, mit neuer Lebendigkeit aus der Kümmerversion unseres Daseins herauszufinden. Ein solcher „jemand“ muss kein Engel mit Flügeln sein; es reicht ein Mensch, der ein Mensch ist, am besten ein Kind! In den vergangenen Jahren hat uns die Neurobiologie mit der Entdeckung der Spiegelneuronen biblische Texte mit neuen Augen zu lesen gelehrt und uns dabei u.a. gezeigt, warum leblos blasse Gesichter beim Blick in die glänzenden Augen der Kinder wieder zu leuchten beginnen …

Weil wir Menschen soziale Wesen sind, dabei aber immer auch Einzelgänger bleiben, Gebende und Nehmende sind, Zerstörende und Aufbauende, Glückliche und Verzweifelte, Arme und Reiche, weil wir Suchende sind und solche, die aufgehört haben zu suchen, Neugierige und solche, die sich verstecken, weil wir all das gemeinsam sind, gibt es uns nur im Blick aufeinander. Gerade deshalb brauchen die Menschen nicht nur Gott, sondern immer auch und zuallererst den anderen Menschen als Ermutigungshebamme. Nur wenn wir nicht vorschnell von Gott zu reden beginnen, sondern uns gegenseitig aus den Gräbern helfen, in die wir uns aus Angst und Mutlosigkeit verkrochen haben, werden wir unverhofft oft darüber staunen können, zu was wir Menschen auch im Guten fähig sind. 

 

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