Platz für alle

Sonntagskommentar 10.05.2020  - Muttertag | KLEINE ZEITUNG

„Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch zu bereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ 

Joh 14,2-3

 

Der „Herr Student der Theologie“ habe gerne Fragen beantwortet, die ihm niemand gestellt hat. So erinnerte mich meine Mutter an das Sendungsbewusstsein ihres ältesten Sohnes während seiner Studienzeit. Nachbarn wären für ihn nur dann „gute Menschen“ gewesen, wenn sie am Sonntag auch die Kirche besuchten. Sie hielt dagegen: Wie lieblos es wäre, so kleinlich über Menschen zu denken, anstatt sie nach den Gründen für ihre Distanz zur Kirche zu fragen! Einer ihrer Sätze damals lautete: „Da Herrgott hot Plotz für olle!“ 

  

Am heutigen Muttertag betten wir die Urne mit der Asche unserer Mutter ins Familiengrab in Pleßnitz. Dort ist Mama in ihrer Trauer um ein Kind und ein Enkelkind oft gestanden. Hat kritische Fragen gestellt, sich dabei aber immer gehütet, mit allzu billigen Antworten zufrieden zu sein. Biblische Erzählungen waren ihr heilig. Das tägliche Lesen der Kleinen Zeitung übrigens auch. An Lyrik hatte sie vor allem dann ihre Freude, wenn sich dadurch eine ihrer großen Fragen besser beantworten ließ. Von Mascha Kaléko, der vielleicht zärtlichsten Lyrikerin des vergangenen Jahrhunderts, fühlte sie sich besonders verstanden:

„Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang, / nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. / Wie soll ich leben, / wenn sie nicht mehr da sind? - Den eigenen Tod, den stirbt man nur, / doch mit dem Tod der andern / muss man leben.“

Als ich meine Mutter zum letzten Mal kurz vor der Coronakrise besuchte, sagte sie zu mir: „Vor dem, wos nochher kimmbt, hon i kua Ongst.“ Der Himmel war ihr Sehnsuchtsort erhofften Wiedersehens. Und sie warnte davor, wie lächerlich es wäre, auf der Erde ständig von der Liebe zu reden und sich dabei vor Strafe und Gericht im Himmel zu fürchten! Sie liebte dazu die Geschichte von einem „gottbegeisterten Mann“, der nach jahrelanger Predigt vor leeren Kirchenbänken und tauben Ohren sich allein, losgelöst von den Menschen, zur „Pforte des Geheimnisses“ begibt. Dort angekommen wird er gefragt: „Was willst du hier?“ - „Ich habe“, rechtfertigt er sich, „den Ohren der Sterblichen dein Lob verkündet, aber sie waren mir taub. So komme ich allein zu dir, dass du selber mich vernehmest und mir erwiderst.“ - „Kehr um“ - sagt ihm darauf die Stimme - „hier ist dir kein Ohr. In die Taubheit der Sterblichen habe ich mein Hören versenkt.“

Wenn es einen Himmel gibt, dann muss dort Platz für alle sein! Die einzige Voraussetzung dafür: Wir dürfen dort nicht alleine ankommen wollen!

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