Die <Klein>Kunst des Alltags

Werkstättengespräch | Die Brücke Nr. 18

Wie geht’s Ihnen in diesen Corona- Tagen, wie erleben Sie diese Zeit?

Vieles von dem, was wir jetzt durchzumachen haben, ist so noch nie da gewesen. Wohl niemand reagiert darauf mit Alltags- routine. Wir durchleben Weltpremieren an Zumutungen. Am Ostermontag ist, wenn Sie mir dieses persönliche Beispiel erlauben, meine Mutter verstorben. Wie gerne hätte ich beim Abschied ihre Hand gehalten?! Wie gerne hätte ich damals auf den Notbehelf einer Videotelefonie verzichtet! In guten Zeiten haben wir manchmal zueinander ermutigend gesagt: „Damit alles so bleibt, wie es ist, muss sich vieles ändern!“ Jetzt, nachdem schlagartig so vieles so anders ist, müssen wir uns darin üben, anders zu denken und aus diesem anderen Denken vieles anders machen. Das ist eine ungeheure Herausforderung an unseren Einfallsreichtum und unsere Kreativität.

 

Eine Mikrobe hebt unsere Welt aus den Angeln: Wir (er)leben eine umfassende Funktionsstörung von Normen und Normalitäten. Was macht das mit uns? Und was machen wir damit?

Das was, wie Sie formulieren, die Welt „aus den Angeln“ hebt, ist letztlich auch das, was die Welt weiterbringt. Dem Menschen, der „Krone der Schöpfung“, wird ausgerechnet durch ein Virus namens Corona seine Grenze aufgezeigt. Seither steht die gesamte Menschheit – einig wie selten zuvor – gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange ... und hat Angst. Angst vor einer unbestimmten Zukunft, vor dem drohenden Verlust der Gesundheit, des Arbeitsplatzes, der Wohnung. Und wenn Sie mich jetzt fragen, was das mit uns allen macht, dann weiß ich mir zunächst nur damit zu helfen, auf neue Fragen nicht billige alte Antworten zu suchen.

Plötzlich ahnen wir, wie sehr wir ein Stück Natur sind, wie sehr wir diesen Blick aufs Ganze wiederfinden müssen. Dazu brauchen wir ein neues Miteinander, das einer gnadenlos profitorientierten Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen beherzt widerspricht, Ressourcen schont, Lebensräume sichert und den Klimawandel nicht klein redet. Ich glaube nicht, dass es übertrieben ist, Corona als Warnschuss zu verstehen. Im Grunde sagt uns die Natur damit ja nur: Ihr seid ein Teil der Natur. Wenn es denn unbedingt sein soll: Ich brauche euch nicht – ihr mich aber sehr!

 

Das Anthropozän, das Zeitalter in dem der Mensch alles gestaltet, ist entlarvt ...?

Nicht unbedingt. Es ist und bleibt die Aufgabe des Menschen, diese Welt zu gestalten, sie im Sinne des Schöpfers zumindest mitzugestalten. So gesehen wäre ein „kreativer Konkurs“ sogar die nobelste Aufgabe des Menschen, aber eben nicht im Sinne einer „Konkursmasse“ als Konkurrenz zum Schöpfer, sondern im Sinne einer Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Potentiale zum Wohle möglichst vieler. Die Natur selbst bietet sich hier als unsere Lehrmeisterin an. Wer bei der Natur in die Schule geht, beginnt unweigerlich darüber nachzudenken, ob nicht manches von dem, was jetzt nicht mehr möglich ist, überhaupt jemals wichtig war und auch darüber, was von unserem Wohlstand wir wirklich brauchen und worauf wir verzichten können, ohne dabei das Gefühl zu haben, es wäre uns etwas Wesentliches weggenommen worden. Reich ist nicht, sagt ein spiritueller Meister, wer viel hat, sondern der, der weniger braucht.

 

Haben Sie in den vergangenen Wochen (Wieder-)Entdeckungen gemacht?

Ja, überraschend viele sogar. Eine davon besteht darin, mehr Zeit zu haben. Vorher hatte ich oft den Eindruck: Die Zeit hat mich und treibt mich vor sich her. Jetzt habe ich viel deutlicher das Gefühl, über meine Zeit verfügen zu können – und halte es mit Hans-Curt Flemming: „Vorschlag für meine Grabinschrift / gelebt / hat er nur / die Zeit / die er sich / genommen hat“.

 

Welche Gretchenfrage stellt uns Corona?

In der Theologie gibt es den berühmten Satz der „creatio ex nihilo“ – womit lediglich gesagt werden will, dass Gott die Welt „aus dem Nichts“ erschaffen hat. Etwas von diesem „Nichts“ trägt jeder Mensch in sich. Und dieses „Nichts“ ist auch die Quelle aller großen Kulturleistungen der Menschheit; alle sind sie sozusagen „aus dem Nichts“ entstanden. Sie waren vorher nicht da und als sie plötzlich da waren, haben alle gestaunt und es sich nicht erklären können, wie das möglich war. Und darin könnte auch die „Gretchenfrage“ der momentanen Krise liegen: Viele Menschen stehen buchstäblich vor dem Nichts ihrer Existenz und wissen nicht, wie es weitergeht. Meine Hoffnung besteht darin, dass möglichst viele vor diesem Nichts nicht verzweifeln, sondern neue Wege suchen und finden.

 

Wie steht es um unsere seelischen Tragfähigkeiten?

Die Seele eines Menschen ist sein inneres Kraftwerk, sein Ressourcenpotential, wenn Sie so wollen, sein eigentliches Vermögen, das ihn in der Welt unverwechselbar und einzigartig sein lässt. Die Seele aber will, um das leisten zu können und nicht verkümmern zu müssen, genährt, „befeuert“ werden. Und dieses Feuer kommt aus dem, wofür sich ein Mensch zu begeistern imstande ist. Albert Schweitzer hat immer wieder darauf hingewiesen, dass, so wie die Haut eines Menschen im Laufe der Zeit Runzeln bekommt, seine Seele aus Mangel an Begeisterung zu runzeln beginnt. Ohne das Feuer der Begeisterung gibt es kein Leben, kein Lebendigsein, keine Kreativität, keinen Zauber der Kultur, keinen Reichtum, der uns von innen her erwärmen kann. Erich Fromm hat diesen Gedanken in seinem Alterswerk „Haben oder Sein?“ vertieft und das ursprünglichste „Vermögen“ eines Menschen eben nicht „auf der hohen Kante“, sondern in seinem Innersten gesehen, dort, wo er täglich Entscheidungen darüber trifft, was ihm wichtig ist, was er kraft seiner Liebe, seines Geistes und seines Tuns „vermag“.

 

Welches Potential für Paradigmenwech- sel hat das Corona-Heute und -Morgen? Können Sie der Idee eines gerade pas- sierenden Realexperiments des Wandels, der Verwandlung, etwas abgewinnen?

Wandel und Verwandlung sind die Manifestationen alles Lebendigen. Wie kein anderer vor ihm hat bereits Heraklit von Ephesos (520-460 v. Chr.) die oberflächliche Realitätswahrnehmung und Lebensart seiner Umgebung kritisiert und alle Entwicklung aus dem polaren Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte erklärt: Aus diesem Zusammenspiel von Nacht und Tag, Dunkel und Hell, Krieg und Frieden erklärt er sich die harmonische Ganzheit der Welt. Darum haben nach Heraklit diejenigen Unrecht, die ein Ende allen Kampfes in einem ewigen Frieden herbeisehnen. Denn mit dem Aufhören der schöpferischen Spannungen würde totaler Stillstand und Tod eintreten. Die- sem Gedanken bin ich vor einem halben Jahrhundert als Gymnasiast zum ersten Mal begegnet; seither fasziniert er mich und lässt mich vieles von dem, was um mich herum passiert, besser verstehen und gelassener darauf reagieren ...

 

Wie erleben Sie den Umgang mit Sprache – sei es politisch, medial, privat, ... – in Corona-Zeiten?

Eine große Gefahr im Umgang mit der Sprache besteht zunächst einmal darin, anders zu fühlen als zu denken und dann – aus welchen Gründen auch immer – anders zu sprechen als zu handeln. Davor warnt schon vor 2.500 Jahren der chinesische Philosoph Konfuzius: „Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“ Diese Gedanken entlarven jede Art von Populismus, dessen verschwiegene Hintergedanken in der Regel stärker sind als ihre rattenfangenden Argumente im öffentlichen Disput. Um dem zu entgehen, bedarf es komplizierter, gründlicher und genauer Gedanken in einer einfachen und verständlichen Sprache. Populistinnen und Populisten hingegen reden von vornherein einfach und vermeintlich allgemein verständlich; was sie uns dabei aber verschweigen, entspringt keinem gründlichen Nachdenken, sondern einem unausgesprochenen Macht- und Eroberungskalkül. Das macht den Populismus gerade in Krisenzeiten so brandgefährlich.

 

Das Wort, so immer wieder in Ihren Texten, ist eines der „ältesten Medika- mente“ der menschlichen Heilkunst ...?

Diese Erkenntnis ist nahezu 3.000 Jahre alt. Was uns dabei zuallererst berührt, ist nicht so sehr der sachlich-fachlich motivierte Inhalt, sondern der Klang hinter den Worten und zwischen den Zeilen. Wir sind, mit etwas Übung, gerade in kritischen Situationen des Lebens ganz besonders dazu befähigt, zu hören, was ein Mensch uns in seiner Not im Moment nicht zu sagen vermag.

 

Neben der physischen und wirtschaftlichen Gesundheit der Gesellschaft steht auch die geistige im Fokus. Was diagnostizieren Sie in diesen Tagen der Kultur?

Die 1932 im Böhmerwald geborene und jetzt in Wien lebende Annemarie Kury hat seit Beginn der Balkankrise mit ihrem mit Hilfsgütern beladenen Auto erst in Kroatien, dann in Bosnien unzähligen Menschen geholfen, ihr Leid zu lindern. Liebevoll nennt man sie heute im Nordosten von Bosnien die „Mutter Teresa von Tuzla“. Nach dem UNO-Friedensvertrag von Dayton berichtete sie mir davon beeindruckt und von der Hoffnung der Menschen zutiefst berührt, dass dort, wo die Geschoße verstummten, sehr schnell Musik erklungen ist, Menschen trotz aller Not begonnen haben, Theater zu spielen und Feste zu feiern. Im Innersten des Menschen wohnt eine große Sehnsucht nach allem, was tröstet, ermutigt und heilt. Das heißt für mich im Umkehrschluss: Eine Gesellschaft, in der die Kultur verstummt, wird stumpf. Kunst und Kultur sind die Milch und der Honig, das Brot und der Wein gegen den Hunger der Seele. Kunst und Kultur sind der Atem einer Gesellschaft, auch und vor allem dort, wo ihr für einen Moment die Luft zum Durchatmen genommen ist. Nie sind Kunst und Kultur so wichtig wie in solchen Zeiten. Sehr schön zeigt mir das der Beginn in Friedrich Hölderlins Hymnus „Patmos“, den ich als ermutigende Zusage lese: „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch. / Im Finstern wohnen / Die Adler und furchtlos gehen / Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg / Auf leichtgebaueten Brücken.“

 

● Gabbi Hochsteiner Chefredaktion DIE BRÜCKE

Das Gespräch in voller Länge finden Sie auf

www.bruecke.ktn.gv.at