Petitesse

Kurt Scholz | 2020-10-28

Das ehemalige Bezirksgericht in meinem Heimatort ist ein imposantes Gebäude. Während des Ersten Weltkriegs amtierte hier ein katholischer Richter. Seine Töchter wurden in Weyer geboren. Die Ältere studierte in Wien. Dort ging sie mit ihrem Vater, einem Alten Herrn, im Jänner 1938 auf einen CV-Ball, wo sich ein Tänzer in sie verliebte. Wenig später wurde Verlobung gefeiert. Sie hielt bis in die Kriegsjahre. Der Verlobte der Germanistikstudentin war Friedrich Heer. Damit beginnt die Geschichte, die ich erzählen will. Friedrich Heer war nämlich eine der bewunderten Persönlichkeiten der 60er- und 70-er Jahre. Patriot, kritischer Katholik, Kämpfer für Österreich im März 1938, Gründer einer Widerstandsgruppe, unermüdlicher Publizist, überzeugter Europäer, flammender Redner und als Zeitzeuge omnipräsent in Rundfunk und Fernsehen. Anton Pelinka nannte ihn eine „intellektuelle Zentralfigur der Nachkriegszeit“. Bücher wie „Der Glaube des Adolf Hitler“, „Gottes erste Liebe“ oder „Der Kampf um Österreichs Identität“ sind bis heute lesenswert. Weil ich Friedrich Heer bewunderte, traf mich die Lektüre eines 1.600seitigen Forschungsberichts umso mehr. Man kann ihn online auf der Webseite der Österreichischen Forschungsgemeinschaft lesen (Adolf Gaisbauer: „Da ich nur darauf angelegt war, Friedrich Heer zu werden“, 2010). Kurz: Friedrich Heer, der so überzeugend seine sechs Verhaftungen, die Folterung, seine Überstellung in das Reichssicherheitshauptamt der SS in Berlin, die enge Freundschaft zu Hingerichteten, seine Kriegsjahre an der Ostfront und bei der Invasion der Alliierten geschildert hatte, verwob offenbar Erinnerungssplitter, Berichte von Freunden und Imaginiertes zu einer Selbstdarstellung, die ganz wesentlich von der Realität abweicht. Böswillige mögen von „Täuschung“ reden, aber mich bewegt eine andere Frage: Wie viel von dem, was wir „selbst erlebt“, „mit eigenen Augen gesehen haben“ ist real so geschehen und wieviel ist eine „Erinnerungs-Wirklichkeit“, in die Phantasie, Selbstdarstellung, Eitelkeit und der Wunsch, Eindruck zu erwecken, einfließen? Berichten wir, wenn wir von uns reden, immer nur überprüfbare Tatsachen? Oliver Sacks, Schriftsteller und als Psychiater ein scharfer Beobachter, hat in seiner Autobiographie die präzisen Kindheitserinnerungen an zwei deutsche Raketenangriffe 1940/41 auf London wiedergegeben. Nach der Publikation machte ihn sein fünf Jahre älterer Bruder darauf aufmerksam, dass er zwar der ersten „Blitz“ tatsächlich erlebt habe, den zweiten Angriff aber nie gesehen habe, weil er schon aufs Land verschickt worden war. Sacks arbeitete diese Erinnerungstäuschung in „On Memory“ auf. Wir können die biographischen Erfindungen von Friedrich Heer zum Anlass nehmen, um auch den eigenen Erinnerungen gegenüber misstrauisch zu sein. Schließlich gilt der Satz von Nestroy „Es ist kaum zu glauben, was jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch er ist“ nicht nur für andere, sondern wahrscheinlich auch für und selbst.     

 

Die Überschrift in der Presse lautet:

Wir sollten auch eigenen Erinnerungen misstrauen

 

Der große Kulturhistoriker Friedrich Heer hat offenbar in seine Selbstdarstellung auch Imaginiertes verwoben. Was können wir daraus lernen?

 

In der Rubrik

FÜR ZEITEN WIE DIESE

in: DIE PRESSE vom 28.10.2020 S. 23