Flüchtlingspolitik

Wer und wo sind die Weisen dieser Tage?

Andrea Schurian | Die Presse, 05.01.2021 – Quergeschrieben

Ob man in einer von Krieg und Armut gepeinigten Region geboren wird oder in einem wohlhabenden, friedlichen Land wie Österreich ist reine Glückssache.

 

Es stimmt, Österreich hat in den vergangenen Jahren viele Flüchtlinge aufgenommen. Laut UNHCR lag Österreich 2019 global gesehen auf dem 14. Platz (noch vor Deutschland auf Platz 15), innerhalb Europas sogar auf Platz 3 (hinter Malta und Schweden). Von Jänner bis Oktober 2020 wurden rund 11.100 Asylanträge gestellt, 6300 Menschen erhielten Asyl, etwa 2000 subsidiären Schutz und ebenso viele einen humanitären Aufenthaltstitel.

Vorfälle wie jene in der Silvesternacht, als vornehmlich junge Syrer und Iraker auf dem Wiener Reumannnplatz randalierten, heben in weiten Teilen der Bevölkerung nicht gerade die Begeisterung für weitere Flüchtlingsaufnahmen. Man sollte allerdings die Relation zwischen der Mehrheit friedlicher und der Minderheit gewaltbereiter zugewanderter Menschen nie aus den Augen verlieren.

 

Es stimmt auch, dass Hilfe vor Ort vielen Menschen nützt, nicht nur einigen Auserwählten. Doch was ist dann eigentlich mit den Hilfsgütern passiert, die Österreich nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos nach Griechenland geschickt hat: den 400 Familienzelten mit Winterkit für 2000 Personen, den Hygienepaketen, Zeltheizungen und –beleuchtungen, Decken, Matratzen, dem Bettzeug? Angeblich ist bisher nur ein kleiner Teil davon auf Lesbos gelandet, man könne keinen Einfluss darauf nehmen, was Griechenland mit den Hilfsgütern mache, heißt es seitens der österreichischen Regierung. Kara Tepe, das anstelle von Moria errichtete Lager, ist eine humanitäre Katastrophe. Griechenland ist Mitglied der EU, die schaut sanktionslos zu?

 

Weltweit leben Hunderttausende in menschenunwürdigen Verhältnissen, auf der Straße, in Lagern, in bitterer Armut, in Kälte, in Schmutz. Sie hungern und frieren abseits der Weltaufmerksamkeit. Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung. Alle zehn Sekunden! Ende 2019 waren knapp 80 Millionen Menschen (fast die Hälfte davon Kinder unter 18 Jahren) auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung, Hunger, 80 Prozent fliehen in unmittelbare Nachbarländer. Arme Staaten wie Pakistan und Uganda haben je 1,4 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Doch längst sind auch die Lager auf den Kanarischen Inseln überfüllt; im Nordlibanon sind Hunderte Flüchtlinge ohne Bleibe, weil nach einem Streit zwischen einheimischen Jugendlichen und syrischen Bewohnern ein Lager für syrische Flüchtlinge abgebrannt ist; in Bosnien wurden Tausende Flüchtlinge, vorwiegend Pakistani und Afghanen, nach einem Lagerbrand im Norden des Landes obdachlos.

 

Also ja, es stimmt, angesichts dieser Zahlen und Fakten ist die Aufnahme von hundert Kindern und deren Familien aus Lesbos höchstens gewissensberuhigende Symbolpolitik, nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Niemanden aufzunehmen ist allerdings auch nur Symbolpolitik, um einen vorgeblichen Pull-Effekt zu vermeiden. Die Frage ist, ob eine humanistische Gesellschaft Droh- oder doch lieber Frohbotschaften senden möchte.

 

Auch wenn diese Analogie abgedroschen klingt, ist gerade Weihnachten – und der morgige Dreikönigstag – ein mit positiven Symbolen aufgeladenes Fest der Nächstenliebe: Das Kind, das fern der Heimat in einem Stall das Licht der Welt erblickt, weil seinen Eltern keine anständige Herberge gewährt wird; die drei Weisen, die sich von einem Stern leiten lassen, um schließlich in Betlehem ihr Knie vor einem Knäblein in einer Futterkrippe zu beugen. Wo man geboren wird, in einer von Armut, Krieg und Unterdrückung gebeutelten Region oder in einem friedlichen, wohlhabenden Land wie Österreich, ist reine Glücksache.

 

Vielleicht sollten wir Glücklichen daher die talmudische Weisheit beherzigen, die jüdische Zwangsarbeiter in einen Ring eingravieren ließen, den sie im Mai 1945 ihrem Retter Oskar Schindler schenkten: „Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

Danke! Welche Wohltat, wie Andrea Schurian sich mit kluger Empathie auf die Suche macht nach den Weisen dieser Tage! Sollten sich diese tatsächlich auch in der Flüchtlingspolitik finden lassen, dann wohl auch durch das Erschrecken darüber, wie grausam Macht ohne Liebe sein kann.

 

Arnold Mettnitzer