Die Kraft des Augenblicks

Da schau her
Da schau her wie der herschaut als wüßt er von mir was ich selbst nicht weiß Schaut mich an als wüßt er wer ich bin Ob ich ihn frage
Sehen und Gesehenwerden ist eine Ursehnsucht des Menschen. Ganz unabhängig davon, was uns ein Gesicht zeigt, seine Augen haben Macht über uns, man kann ihnen nicht entkommen. Das Gedicht von Susanne Hennemann beschreibt diese eigenartige Faszination. Im Sommer 2009 war im Völkerkundemuseum in der Wiener Hofburg eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums zu sehen: „Wir sind Maske“ . Nach sieben Sälen mit aufregendem Maskenspiel kommt der Besucher beim Verlassen der Ausstellung vor sich selbst zu stehen: Ein großer Spiegel steht ihm im Wege und zwingt ihn, sein eigenes Gesicht auch als Maske wahr zu nehmen. Der Volksmund sagt: „Das Gesicht ist der Spiegel der Seele.“ Und dieser Seelenspiegel steckt auch den Betrachter eines Gesichtes an. Wenn wir nämlich auf Gesichter anderer schauen und in den Augen anderer z. B. Furcht lesen, dann wird dort etwas sichtbar, was auch für uns Bedeutung hat; und instinktiv wenden wir unseren Blick dorthin, wo jener z. B. mit der Furcht im Gesicht hinschaut, und wir rüsten uns für den Fall von Gefahr, die Flucht zu ergreifen. Erblickt man hingegen im Gesicht eines anderen Menschen Ekel, folgt man seinem Blick lieber nicht; wer weiß, was er gesehen hat!? Lacht uns hingegen ein Dritter (offen) an, können wir uns entspannen, es droht keine Gefahr. So ist es in allen Kulturen, Gesichter sind für uns soziale Signale.
In unseren täglichen Begegnungen „diagnostizieren“ wir sozusagen instinktiv, wie es um die emotionale Situation des anderen Menschen bestellt ist. Diese Wahrnehmung kann dazu führen, dass wir den Zustand des Anderen in uns selbst empfinden und traurig werden und uns in der Folge zurückziehen oder aber empathisch öffnen und es als Impuls für Hilfeleistung verstehen. In jedem Fall fühlen wir uns angeschaut, erblickt, betroffen. Die neurobiologische Grundlage für dieses Phänomen hat uns in den letzten Jahren die Forschung gezeigt. Dort findet sich auch ein brauchbarer Kommentar zu Susanne Hennemanns Gedicht am Eingang dieses Abschnitts: „Tritt ein Mensch in unseren Wahrnehmungshorizont, dann aktiviert er, ohne es zu beabsichtigen und unabhängig davon, ob wir es wollen oder nicht, in uns eine neurobiologische Resonanz. Verschiedene Aspekte seines Verhaltens wie Blickkontakt, Stimme, mimischer Ausdruck, Körperbewegungen und konkrete Handlungen rufen in uns ein Spektrum von Spiegelreaktionen hervor.“
Durch diese Beobachtungen können wir auch leichter „verstehen“, was passiert, wenn uns jemand sieht, wenn wir uns beobachtet fühlen, wenn die Augen anderer auf uns gerichtet sind. Wir „nehmen uns zusammen“, wie wir sagen, urplötzlich, reflexartig, wir stehen unter Beobachtung und zeigen uns von unserer „besseren“, um nicht zu sagen „von unserer besten“ Seite. Wenn uns aber jemand sieht und wir wissen, dass er uns sieht, dann hat das eine ganz erstaunliche Wirkung: „Wir werden bessere Menschen“, wie Jürgen Langenbach vermutet. Darum fasziniert uns auch das Auge der Kamera und wir wollen von ihm erfasst oder aber auch um keinen Preis der Welt von ihm erfasst werden. Vielleicht aus der Angst, nicht entsprechen zu können oder nicht gut genug zu sein. Gleichgültig lässt es keinen. Unsere wichtigsten Anstrengungen vollziehen wir aus dem Grund, uns sehen lassen zu können, den anderen unter die Augen treten und zeigen zu können, wer wir sind. Ich erinnere mich an die unheimliche Wirkung, die in meiner Kindheit vom „Auge Gottes“ in meiner Heimatkirche ausging. Unter dem Vordach des Kirchenportals erblickt dort heute noch das Auge Gottes jeden, der eintritt und weggeht. Der Allmächtige Gott ganz Auge! Das muss einer Kinderseele Respekt einflößen. Dazu der Kommentar der Mutter, dass Gott bei Tag und Nacht alles sieht und mit Gedankenlesen beschäftigt ist: „Es ist ein Aug‘ das alles sieht, was auch in dunkler Nacht geschieht!“ Unter einer solchen Generalkontrolle zu stehen ist auf Dauer unerträglich. Andererseits aber erblicken Menschen einander von Weitem und reagieren gekränkt, wenn sie „keines Blickes gewürdigt“ werden. Es tut gut, von fremden Menschen im Vorübergehen einen liebevollen Blick zugeworfen zu bekommen. An vielen Stellen des Zweiten Testamentes heißt es zum Auftakt einer Begegnung als Angeld kommender Heilung: „Und Jesus blickte sie/ihn an.“ Die Rabbinen beschreiben den Übergang von der Nacht zum Tag durch den Moment in der Morgendämmerung, wo zwei Menschen einander gegenüberstehend jeweils im anderen den Bruder und die Schwester erblicken können. Im österreichischen Parlament gibt es seit dem Sommer 2009 mit Helene Jarmer die erste gehörlose Abgeordnete. Bei ihrem Debüt am 10. Juli 2009 machte die neue Abgeordnete ihren Kolleginnen und Kollegen im Hohen Haus klar, wie mit ihr umzugehen ist. Unter Hinweis auf die üblichen Zwischenrufe im Parlament meinte sie: „Schreien nützt nichts. Ich höre nichts. Ich bitte Sie um Blickkontakt. Und darum, langsam zu sprechen.“
In ihrem Buch „Meine ungewöhnlichen Reisen. Schritte der Hoffnung“ schildert Annemarie Kury, wie sie auf einer ihrer vielen Fahrten in Bosnien verhaftet wurde. Umstellt von Soldaten bleibt sie im Auto sitzen und schaut sich „die Augen der Einzelnen genau an“ und möchte damit signalisieren: „Ich vertraue euch, vertraut mir auch!“ Und dann schreibt sie: „Da finde ich gute Augen und bekomme gefühlsmäßig Kontakt – mit dem und nur mit dem werde ich sprechen.“
Reiner Maria Rilke verdanken wir eine besonders feinsinnige und berührende Beschreibung der Augen. Er beobachtet einen Panther im Käfig hinter Gitterstäben. Was er sieht und ins Wort bringt erlebt der Leser, noch dazu, wenn er immer wieder in vergleichbare Menschenaugen schauen kann, als eine Infragestellung und ein Sinnbild seiner Welt und der Menschen in ihr. Wie überhaupt der Mensch sich eine eigenartige Pädagogik zurechtgelegt zu haben scheint. Um es besser zu verstehen und dabei zunächst draußen zu bleiben, erzählen wir Geschichten von anderen, am besten von Tieren. Dann können wir in aller Ruhe behandeln, was uns auch selbst betrifft. Jedenfalls wirken die Augen schwer depressiver Menschen vergleichbar haltlos, dunkel und leer, wie der Dichter die Augen des Panthers beschreibt. Und wenn nach Wochen oder Monaten der Behandlung ein Patient mich fragt, ob das seit Jahren in der Praxis hängende Bild neu sei, dann weiß ich, dass er neue Augen bekommt, dass sein Blick sich aufhellt und die Welt, wie sie sich ihm zeigt, wieder in sich aufnehmen kann. DER PANTHER
Im Jardin des Plantes, Paris SEIN Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,in der betäubt ein großer Wille steht. Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.


aus: Arnold Mettnitzer, Klang der Seele“ Seite44-47, 2009 by Styria Verlag