Gottfried Mairwöger 1983

Kaleidoskop des Lebens

Endlich allein!

Wirklich, ich muss mich mal wieder

ein bisserl mit mir selber beschäftigen -

wie ich mich vernachlässige ist eine Affenschand!

(Himmelwärts)

 

Ödön von Horvath,

Ich bin nämlich eigentlich ganz anders,

aber ich komme nur so selten dazu.

Gedanken eines Aufrechten, marixverlag,

Wiesbaden 2018, Seite 45 

Gedanken für den Tag | 06.07.2019

Reisen

 

Wer reist, mag vom Fernweh getrieben sein. Viele aber sind bei ihren Reisen ein Leben lang auf der Suche nach Heimat. Mascha Kaléko zum Beispiel, 
die liebenswerte Lyrikerin, deren Gedichte mich immer begleiten, 
wenn ich in Berlinoder Jerusalembin.

1907 in Polen geboren, übersiedelt Mascha im Volksschulalter mit ihrer Mutter nach Frankfurt,zieht 1916 nach Marburgund schließlich 1918 nach Berlin, in die Grenadierstraße 17, im Scheunenviertel der Spandauer Vorstadt

Hier verbringt sie die glücklichste Zeit ihres Lebens. Hier heiratet sie den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko und lernt im Romanischen Cafégegen Ende der zwanziger Jahre unter vielen anderen Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. 1933 publiziert sie das Lyrische Stenogrammheft, über das der wohl ein wenig in sie verliebte Martin Heidegger an sie schreibt: „[…] Ihr ‚Stenogrammheft‘ sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“ 
(Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko. Biografie. dtv, München 2007, erweiterte und aktualisierte TB-Ausgabe 2012, S. 177, 276)

 

Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten lebt sie 1942 bis 1957 in New Yorkund wandert 1960 ihrem Mann zuliebe mit ihm nach Jerusalem aus. Dort aber lebt sie enttäuscht und einsam und leidet nach dem Tod ihres Mannes noch mehr unter der sprachlichen und kulturellen Isolation. 

Im Herbst 1974 besucht sie die Stadt ihrer Jugend ein letztes Mal und denkt dabei darüber nach, in Berlinneben ihrem Domizil in Jerusalemeine Wohnung zu nehmen. Auf dem Weg zurück nach Jerusalemstirbt sie am 21. Jänner 1975 in Zürich. Eines ihrer Gedichte trägt den Titel: Heimweh, wonach?


„Wenn ich „Heimweh“ sage, sag ich „Traum“. / Denn die alte Heimat gibt es kaum.
Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel: / Was uns lange drückte im Exil.
Fremde sind wir nun im Heimatort. / Nur das „Weh“, es blieb. / Das „Heim“ ist fort.“

Mascha Kaléko, Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte, dtv Verlagsgesellschaft, München 16. Auflage 2015, Seite 81

 

 

 

 


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