„Weiter Gründe dafür, daß die Dichter lügen"

Weil der Augenblick

in dem das Wort glücklich

ausgesprochen wird,

niemals der glückliche Augenblick ist.

Weil der Verdurstende seinen Durst

nicht über die Lippen bringt.

Weil im Munde der Arbeiterklasse

das Wort Arbeiterklasse nicht vorkommt.

Weil, wer verzweifelt,

nicht Lust hat, zu sagen:

„Ich bin ein Verzweifelnder.“

Weil Orgasmus und Orgasmus

nicht miteinander vereinbar sind.

Weil der Sterbende, statt zu behaupten:

„Ich sterbe jetzt“,

nur ein mattes Geräusch vernehmen läßt,

das wir nicht verstehen.

Weil es die Lebenden sind,

die den Toten in den Ohren liegen

mit ihren Schreckensnachrichten.

Weil die Wörter zu spät kommen,

oder zu früh.

Weil es also ein anderer ist,

immer ein anderer,

der da redet,

und weil der,

von dem da die Rede ist,

schweigt.

 

Hans Magnus Enzensberger

 

Nachlese

Was kommt
Kleine Zeitung 27.11.2022
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