PALMSONNTAG

„Wir müssen mit allem rechnen. Vor allem mit dem Guten."

Sonntag, 1. März 2020. Unsere Matinee im Rahmen der Rohrauer Gespräche mit Univ. Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, dem Gründer von „planetYES“, war die letzte Veranstaltung im Römerland Carnuntum „vor Corona“. Wir redeten über Begeisterungsfähigkeit, Neugier, Kreativität und Schöpfungsdrang, mit einem Wort, über die in jedem von uns schlummernden Potentiale, die es gelte aufzuwecken und wachzuküssen. Unweigerlich mussten wir dabei auch von der dringenden Notwendigkeit eines längst fälligen Wandels reden, weg von einer Mentalität der Ressourcenausnutzung hin zu einer Kultur der Potentialentfaltung. Nicht mehr, was mir allein nützt, stünde dabei im Vordergrund, sondern das, was jeder Mensch im Blick auf die ganze Welt und die Region, in der er lebt, zu leisten im Stande sein könnte. 

 

Niemand von uns ahnte dabei an diesem Sonntag in Rohrau, wie sehr uns die Dringlichkeit dieser Frage ein paar Tage später noch deutlicher bewusst werden sollte, wie schnell dem Menschen als „Krone der Schöpfung“ ausgerechnet durch das Virus „Corona“ seine Grenzen aufgezeigt werden.

 

Jetzt stehen wir am Palmsonntag 2020 am Beginn einer Karwoche, wie wir sie wohl alle noch nie erlebt haben und von der wir auch nicht wissen, wie lange sie dauern wird! Allerdings, so ahnungslos, wie wir uns im Moment fühlen mögen, sind wir nicht. Schon zur Mitte der 1970er-Jahre warnt Erich Fromm in seinem Alterswerk „Haben oder Sein?“ davor, unsere Lebenspraxis auf ein alleiniges Haben-Wollen so auszurichten, als wäre „nur Bares als Wahres“ unser Besitz und nicht das Vermögen, das im Herzen jedes Menschen liegt. Dadurch „vermögen“ wir täglich Entscheidungen darüber zu treffen, was uns wichtig ist und wie wir kraft unserer Liebe und unseres Einfallsreichtums unseren Beitrag zu einem größeren Ganzen leisten könnten. 

 

Die Grundlagen für diese Überzeugung schöpft Erich Fromm unter anderem aus den Schriften von Meister Eckart. Er argumentiert auf der Basis einer am eigenen Leib erfahrenen Alltagspraxis, die das Leben dort erfüllter macht, wo ein Mensch auf die ihm eigenen Kräfte der Liebe, der Vernunft und seines produktiven Tuns vertraut. Im Gegenzug erfährt er, dass das Leben in Wirklichkeit leer, langweilig und unerfüllt bleibt, wenn ein Mensch sich darin verliert, sein Leben nicht aus eigener Kraft zu leben, sondern auf Kosten anderer. 

 

Für Fromm ist deshalb die Notwendigkeit einer radikalen menschlichen Veränderung die zentrale Voraussetzung für das nackte Überleben der Menschheit: „Richtig leben“, sagt er, „heißt nicht länger, nur ein ethisches oder religiöses Gebot zu erfüllen. Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab. Dieser Wandel im Herzen des Menschen ist jedoch nur in dem Maß möglich, in dem drastische ökonomische und soziale Veränderungen eintreten, die ihm die Chance geben, sich zu wandeln, und den Mut und die Vorstellungskraft, die er braucht, um diese Veränderung zu erreichen.“ 

 

Kein ernstzunehmender Mensch mag an der Richtigkeit dieser Sätze aus der Mitte der 1970er-Jahre jemals gezweifelt haben. Aber wohl kaum jemand mag erahnt haben, wie viel prophetische Weitsicht in dieser Forderung nach drastischen ökonomischen und sozialen Veränderungen „für das nackte Überleben der Menschheit“ liegt. 

 

Was können wir tun? 

 

Selbst in den dunkelsten Stunden seines Lebens hatte Viktor Frankl, der Gründervater der Logotherapie, nie aufgehört daran zu glauben, dass das Leben „unter allen Umständen Sinn“ hat und dass diese unsere Welt zwar „nicht heil, aber heil-bar“ ist. Wer so denken und fühlen kann, denkt und fühlt aus einer Mitte heraus, die ihn unerschrocken, stark und kreativ sein lässt – auch und vielleicht gerade dann, wenn die ganze Welt Kopf steht und alles andere als „heil“ ist! Die in solchen Momenten auftauchende Frage „Warum jetzt und das ausgerechnet mir?“ wird abgelöst durch ein unerschrockenes „Wer, wenn nicht ich, wann, wenn nicht jetzt!?“ 

 

In jedem Moment unseres Lebens können wir wachsen, über uns hinauswachsen. Im Vertrauen darauf hat Václav Havel in einer für ihn aussichtslos erscheinenden Situation gesagt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass das, was ich tue, gut ausgeht. Hoffnung ist die Gewissheit, dass das, was ich tue, sinnvoll ist, ganz egal, wie es ausgeht!“ Dieser Gedanke gibt mir Kraft und macht mir Mut, die kommende Karwoche, ganz egal, wie lang sie auch dauern mag, als kreativer, einfallsreicher und liebender Mensch mit anderen Menschen zu erleben und lebenswert zu gestalten.

 

Die Macht unserer Gedanken 

 

Achten wir in dieser Zeit auf unsere Gedanken. Weil Gedanken wirkende Mächte sind und weil jeder unserer Gedanken Gefühle zur Folge hat, sollten wir auf unsere Gedanken allein schon deshalb besonders achten, weil sie auch über das Ausmaß unserer Ängste entscheiden. Wer sich nur auf Negatives konzentriert, muss mit der Zeit seine Zuversicht verlieren. Gute Gedanken hingegen bewirken Gutes, sie unterziehen das Gehörte einem Wahrheitscheck, trennen die Spreu vom Weizen und sorgen – im Idealfall sogar garniert mit einem Lächeln – für gegenseitige Ermutigung. Dabei lohnt es sich, mit Kindern zu reden und uns von ihren Gedanken und Gefühlen anstecken zu lassen! In diesem Zusammenhang hat mir Sigrid, eine Kindergärtnerin, vor ein paar Tagen eine Kinderzeichnung mit dem folgenden Text geschickt: „Wir müssen mit allem rechnen. Vor allem mit dem Guten!“ 

 

Die Macht des Gebets 

 

Eine besondere Art guter Gedanken ist für viele Menschen das Beten. „Not lehrt beten!“ So sagen wir. Wer darüber lächelt, weiß noch nichts von der Kraft, die in solchem Beten steckt. Jeder weithin sichtbare Kirchturm, die Bildstöcke und Wegkreuze entlang unserer Feldwege und Straßen, die „Herrgottswinkel“ in unseren Wohnstuben erinnern uns daran. Wenn betende Menschen ihr Schicksal höheren Mächten überantworten, tun Sie das aus der Überzeugung, dass ihnen alles Wesentliche in ihrem Leben geschenkt wurde. Und dort, wo dieses ihr Leben in Gefahr gerät und bedroht erscheint, richten sie sich in ihrer Hilfsbedürftigkeit, aber auch in ihrer Dankbarkeit an diese höhere Macht, der sie ihr Leben verdanken. Ich bin überzeugt davon, dass großherzige und hilfsbereite Menschen in unserem Land, die in schweren Krisenzeiten zueinandergestanden und dabei über sich hinausgewachsen sind, die Kraft dafür wesentlich auch aus der Kraft ihres Betens geschöpft haben. 

AM 

 

Dem Palmsonntag gewidmet: „Was ich glaube“ aus der Römerstadt Carnuntum 2011