„Glaube heilt"

Seit René Descartes' berühmtem Satz " Cogito, ergo sum" - "Ich denke, also bin ich" legt eine mittlerweile weltweit vernetzte und bestens informierte Gesellschaft großen Wert auf logische Erkenntnis und kognitive Leistung. Die Logik des Herzens bleibt so im Alltag unbeachtet bzw. unterversorgt, Gefühle werden dem logischen Denken untergeordnet wenn nicht überhaupt verdrängt. Das weite Land der Seele verkümmert. Der Sieg der Logik über die Psycho-logik ist allgegenwärtig.
In den Heilungsberichten der Bibel spielt gerade die psycho-logische Dimension eine zentrale Rolle. Heilung geschieht in Begegnung. Begegnung erwirkt Ermutigung. Diese Ermutigung ermöglicht einen neuen Blick auf die alte Wirklichkeit.  Aufgrund solcher heilsamen Erfahrung hilfesuchender Menschen wird der Wanderprediger aus Nazareth - wie in der griechischen Antike Asklepios - als "Heiland" gepriesen. Seine Art auf die Menschen zu- und mit ihrer Not umzugehen hat mit Wundern im Sinne von unerklärlicher Zauberei nichts zu tun, eher ist sie ein Grundkurs der Ermutigung, das Heilende und Gesunde, das Heilsam-Wohltuende und Rettende in sich selbst zu entdecken und es nicht mehr aus dem Blick zu verlieren.
"Glauben heißt: Nichts wissen" sagt der Volksmund. Damit ist unweigerlich auch hier dem Verstand der Vorrang eingeräumt. Wer aber die Heilungsberichte der Bibel studiert, entdeckt tiefere Dimensionen des Glaubens, die allesamt als Grundelemente eines gesunden und geglückten Lebens gelten können:
 
 
SPRICH EIN WORT
Krankheit ist ein Zustand konkreter Befindlichkeit, die einem Menschen zeigt, dass er sein Gleichgewicht, seine innere Balance verloren hat.
Was "hast" du denn? Was "fehlt" dir denn? Was "ist" los mit dir?
So fragen wir nach der Krankheit eines Menschen.
Alle Heilung beginnt damit, das, was "ist", was "fehlt", was einer "hat"
ins Wort zu bringen.
Krankheit ist so betrachtet ein Mangel und gleichzeitig ein Besitz, ein Fehlen und ein Haben. Beides verlangt nach Ab-Klärung.
„Zuerst heile mit dem Wort!" Schon in der Antike was dieser Satz das Leitmotiv ärztlicher Heilkunst. Auch in der Bibel finden sich beeindruckende Belege dafür.
Nur was benannt wird, kann gebannt werden. Das, was ist, muss als das, was es ist, ins Wort gebracht werden. Das ist das erste Instrument ärztlicher Heilkunst!
Lukas berichtet (Lk 7, 11-17), wie Jesus in die Nähe des Stadttors kommt und auf einen Begräbniszug trifft. Freunde tragen begleitet von vielen Menschen den einzigen Sohn einer Witwe zu Grabe. Jesus sieht die Frau, hat Mitleid mit ihr und sagt: Weine nicht! Dann geht er zur Bahre hin, fasst den jungen Mann an und sagt: "Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!" (Lk 7,14) Da richtet sich der Tote auf und beginnt zu sprechen und Jesus gibt ihn seiner Mutter zurück.
Die Geschichte ist so unglaublich, unwahrscheinlich und geradezu märchenhaft, dass kein aufgeklärter Mensch daran denkt, so etwas könnte sich tatsächlich ereignet haben. Und doch erleben Menschen, die mit dem Herzen sehen und hinter den Worten wie auch zwischen den Zeilen lesen können, dass solche Geschichten sich tagtäglich ereignen. Wie oft haben Menschen – abgeschrieben, totgesagt und links liegen gelassen – miterleben können, dass durch "ein Wort" Auferstehung möglich ist und unmöglich erachtetes Wirklichkeit werden konnte.
Mt 8, 5-13 & Lk 7, 1-10: Die Heilung des Dieners
Der Hauptmann von Kafarnaum schickt Vertraute zu Jesus und lässt ihn bitten, in sein Haus zu kommen, weil sein Knecht im Sterben liegt. Als Jesus sich dem Haus nähert, plagt den Hauptmann das Gewissen. Er schickt Freunde und lässt ihm sagen:
"Herr, bemühe dich nicht. Ich bin ja nicht genug, dass du unter mein Dach kommst. Darum hielt ich mich auch nicht für wert, zu dir zu kommen. Aber sprich ein Wort, so wird mein Bursche geheilt." (Lk 7, 6-7)
 
BE-HANDLUNG BRAUCHT BERÜHRUNG
Es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte.
Mk 5, 21-43: Die Heilung der an Blutfluss leidenden Frau
Inmitten seiner Jünger, umdrängt von einer großen Menschenmenge, steht Jesus, der "Wunderrabbi". Nach den ersten Heilungen und Dämonenaustreibungen hat sich sein Ruf in Windeseile verbreitet. Viele kommen aus Sensationslust und Neugier.
Da drängt sich einer durch die gaffende und lärmende Menge. Ein gesetzter Herr, vornehm gekleidet, der Synagogenvorsteher Jairus. Er fällt Jesus zu Füßen und fleht ihn um Hilfe an. Außergewöhnlich! Da doch die Schriftgelehrten und Pharisäer bereits den Beschluss gefasst haben, diesen Jesus zu beseitigen. Aber irgendetwas scheint dem Jairus zu sagen: jetzt oder nie. Dieser Jesus - egal was die Leute sagen - ist deine einzige Rettung. Es geht ja um mein einziges Kind. „Meine Tochter liegt im Sterben, komm und mach sie gesund". Und Jesus geht mit ihm (Mk 5,23).
Aber er kommt nicht weit. Die an Blutfluss leidende Frau tritt dazwischen. Mit wenigen Worten erzählt Markus die Leidensgeschichte dieser Frau. Zwölf Jahre schon leidet sie an Blutungen. „Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben. Aber es hatte ihr nichts genützt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden" (Mk 5,26).
Wie oft schreibt das Leben ähnliche Leidensgeschichten? Immer wieder Hoffnung auf Hilfe und dann immer wieder die Enttäuschung bis zum Verlust der Lebensfreude und manchmal sogar des Vermögens! Wie oft beherrscht so die Krankheit das ganze Leben eines Menschen bis hin zur Einsicht, dass die Ärzte nicht mehr helfen?
Von einer solchen Frau erzählt Markus. Sie hatte von Jesus gehört, heißt es. Und als sie ihn jetzt vor sich sieht, erkennt sie: „Der und allein der kann mir helfen! Dieser Jesus ist meine letzte Chance!"
Und wie der Synagogenvorsteher tut sie etwas Unerhörtes. Sie drängt sich an Jesus heran und berührt ihn. Das ist nach dem Gesetz streng verboten. Mit ihrer Krankheit ist sie unrein und darum unberührbar. Sie muss Körperkontakt strengstens meiden. Durch ihre Berührung macht sie den andern ebenfalls unrein. Sie weiß das. Aber ihre Not ist größer als die Furcht vor Strafe. Und als sie zitternd vor Furcht vor Jesus niederfällt und ihm alles beichtet, da kommt kein Vorwurf, sondern eine Bestätigung: Du hast recht getan: Du glaubst an mich. „Geh in Frieden. Du sollst von deinem Leiden geheilt sein" (Mk 5,33).
 
DANKBARKEIT
Danken heißt "daran denken" und den Ursprung nicht vergessen.
 
Lk 17, 11-19: Die Heilung der 10 Aussätzigen
Im Grenzgebiet zwischen Samaria und Galiläa kommen dem Wanderprediger aus Nazareth zehn Aussätzige entgegen.
Ein Aussatz ist in biblischen Zeiten eine schlimme Krankheit, die innerhalb weniger Monate zum Tod führt. Das Schlimmste dabei ist, dass das körperliche Alarmsystem
für Schmerzen nicht mehr funktioniert. Das bedeutet, dass ein solcher Aussätziger keine Schmerzen mehr empfindet und gefühlslos geworden ist.
Aussätzige lebten abgeschieden von der Zivilisation, in Höhlen und
Klüften (Lv. 13,45-46; Nu. 5,2-3).
Aus von Berührung "sicherer" Entfernung rufen diese zehn Aussätzigen:
„Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!" (V. 13b)
 
Sie wissen, dass das Gesetz ihnen verbietet, näher zu den Gesunden
hinzugehen, denn keiner will mit dieser Krankheit angesteckt werden.
Jesus, umgeben von seinen Jüngern und anderen Menschen, die ihm
gefolgt sind, sieht plötzlich diese Kranken am Zaun der Stadt.
Auch Lukas berichtet, dass Jesus einen Aussätzigen heilte (Lk. 5,13).
Dort wird berichtet, dass Jesus ihm die Hand entgegenstreckt und ihn berührt.
Dann befiehlt er ihm:
"Geh, zeig dich dem Priester, und bring für deine Reinigung
ein Opfer dar, wie Mose es angeordnet hat..." (Lk. 5,14; Lv. 14,2-32)
 
Die Priester waren damals die "Gesundheitsinspektoren".
Sie hatten zu entscheiden, ob ein Aussätziger geheilt war und wieder in die Gesellschaft integriert werden konnte. Nach einem Opfer im Tempel durfte er wieder nach Hause gehen zu seiner Familie, durfte wieder Arbeiten und den Tempel besuchen (Apg. 3,2).
 
In dieser Erzählung hier (Lk 17, 11-19) schickt Jesus die Aussätzigen ohne sie zu berühren weiter:
„Wandert weiter und zeigt euch den Priestern. Und es geschah: Während sie dahingingen, wurden sie rein." (Lk 17, 14-16)
 
Die Heilung der Zehn geschieht unterwegs auf dem mehrstündigen Marsch nach Jerusalem. Eine wunderbare Erfahrung für die Betroffenen:
Bei jedem Schritt geht es besser!
Sie fühlen Schritt für Schritt immer mehr den Boden unter ihren Füssen....
Langsam wird auch ihre Haut wieder gesund und die Knochen wieder stark.
Etwas Seltsames und Wunderbares geschieht mit ihrem Körper.
Vor lauter Freude beginnen sie zu tanzen und zu singen!
Ein außergewöhnlicher Moment im Leben dieser Zehn!
Alle waren aussätzig und warteten abgeschieden von Menschen auf den Tod.
Alle riefen verzweifelt Jesus zu, weil sie glaubten, dass Jesus sie heilen konnte.
Alle gehorchten Jesus und machten sich auf den Weg.
Alle wurden "unterwegs" geheilt.
 
Aber:
 
Nur einer kehrt zu Jesus zurück und „pries Gott mit lauter Stimme" (V. 15).
Er tut das nicht mit einem einfachen „Danke".
Die Bibel verwendet im Vers 16 für "danken" die durative Zeitform "euchariston",
das Partizip Präsens, womit sie darauf hindeutet, dass der Geheilte nicht nur einmal seinen Dank ausspricht, sondern Jesus in der Grundhaltung der Dankbarkeit begegnet, die ihn nie mehr vergessen lässt, was er an neuer Lebensqualität geschenkt bekommen hat.
Das Wort "danken" leitet sich von "daran denken" her und ist so in seiner Grundbedeutung eher der Dauer als dem Augenblick verpflichtet, meint eher die innere Haltung als den einmaligen Akt. Diese innere Haltung entscheidet wohl auch darüber, wie sehr ein Mensch sein Leben mit all seinen Möglichkeiten als Geschenk betrachtet oder aber seinen Körper als nützlichen Idioten und Sklaven für seine Lebenswünsche missbraucht, so als hätte er ein Recht auf sein ungestörtes Funktionieren.
 
Jesus fragt traurig (V. 17):
„Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die übrigen neun?"
Jesus segnet ihn mit den Worten (V. 19):
„Dein Glaube hat dich gerettet."
Mit andern Worten (Lk. 19,9):
„Heute ist dir und deinem Haus Heil widerfahren."
Das heißt frei übersetzt:
Deine Dankbarkeit hat dich nicht nur körperlich,
sondern an Leib und Seele gesund gemacht.
 
Die schwierigste Rechenkunst eines Menschen ist die Fähigkeit,
alle seine Segnungen zu zählen, die er täglich erleben darf.
 
So wird von einem todkranken König erzählt, dass er seine Diener ausschickt, um das Hemd eines glücklichen Menschen zu finden, denn nur dadurch könne er - wie ihm ein Weiser verrät - geheilt werden. Die Diener gehen, suchen und finden nach langer Wanderung endlich in einer ärmlichen Hütte einen glücklichen alten Mann. Dieser aber besitzt kein Hemd!
 
VERTRAUEN
Das (Grund-)Vertrauen, sich einem anderen Menschen gegenüber zu öffnen und ihm Einblick zu gewähren in die innerste Not des eigenen Herzens ist die Basis und Grundvoraussetzung jeder Begegnung, erst recht, wenn sie sich als heilsam und heilend erweisen soll. Nur so ist Ausschau nach neunen Möglichkeiten denkbar, nur so kann die Phantasie angeregt werden, erfinderisch zu sein und bisher nicht begangene Wege der Heilung zu suchen.
 
Mk 2, 1-12: Die Heilung eines Gelähmten.
Vier Männer bringen auf einer Tragbahre einen Gelähmten. Weil aber viele Menschen zusammengelaufen waren, um Jesus zu sehen, ist es den Männern unmöglich, in seine Nähe zu kommen.
„Weil sie ihn wegen der Leute nicht zu ihm hinbringen konnten, deckten sie da, wo er war, das Dach ab und gruben ein Loch hindurch. So senkten sie die Bahre, darauf der Gelähmte lag, hinunter. Als Jesus ihren Glauben sieht, sagt er zum Gelähmten: Kind, jetzt sind deine Sünden nachgelassen." (Mk 2, 4-5)
„Auf, nimm deine Bahre und geh nach Haus!" (Mk 2, 11)