Heiliger Zorn

von Arnold Mettnitzer | 11.04.2021 | KLEINE ZEITUNG 

Die Menge der Glaubendgewordenen aber war in Herz und Leben eins. Und auch nicht einer nannte irgendetwas von seinem Hab und Gut sein eigen, sondern sie hatten alles gemeinsam. Und mit gewaltiger Kraft legten die Sendboten das Zeugnis von des Herrn Jesus Auferstehung ab. Gewaltige Gnade aber war auf ihnen allen. Es war denn auch kein Notleidender unter ihnen; denn alle, die Besitzer von Ländereien und Häusern waren, verkauften und brachten den Preis des Verkaufs und legten ihn den Sendboten zu Füßen. Zugeteilt wurde aber jedem einzelnen, je wie es einer brauchte.

 

Apg 4, 32-35 in der Übersetzung von Friedolin Stier

 

Dass die Bibel paradiesische Zustände beschreibt, verwundert keinen, der sie kennt; ihren Traum von einem Land des Friedens und des Wohlergehens beflügelt auch die zum Sprichwort gewordene „Goldene Regel“: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu!“ Die Bibel (zu) schnell gelesen könnte den Eindruck erwecken, sie bestünde nur aus solchen Sätzen. Wer sie aber gründlicher studiert, merkt bald, dass auch die biblischen Zeiten keine goldenen waren. Die „gute alte Zeit“ ist das Produkt unserer Vergesslichkeit! Wenn z.B. die Apostelgeschichte die Glaubendgewordenen „in Herz und Leben eins“ schildert, zögert sie dabei nicht, wenige Sätze später von Hananias und Saphira zu erzählen. Die beiden verkaufen einen Acker und tun so, als stellten sie alles dem Gemeinwohl zur Verfügung; tatsächlich aber behalten sie einen großen Teil für sich zurück. Petrus durchschaut das verlogene Spiel vorgetäuschter Großzügigkeit und stellt Hananias zur Rede; dieser erschrickt darüber, fällt um und stirbt. Weil auch dem biblischen Menschen die Versuchung, Wasser zu predigen und Wein zu trinken nicht fremd ist, redet die Bibel gegen jede Art von Doppelmoral unmissverständlich an! Und wenn zurzeit viele Menschen wie z.B. gerade in Köln „aus Treue zum Evangelium“ in Scharen die Kirche verlassen, wissen sie sich durch solche Bibelstellen dazu ermutigt. Kirchengeschichte ist neben der Geschichte der Heiligen immer auch Kriminalgeschichte! Verständnisvoll und beinahe entschuldigend merkt dazu Alois Brandstetter in einer seiner Satiren an, dass aus der Gegenwart einer Nonne noch nicht auf die Gegenwart Gottes geschlossen werden dürfe und dass viele Mönche nicht so sehr auf Gott, vielmehr auf ein nahegelegenes Kloster verweisen. Dann aber notiert er in geradezu heiligem Zorn: „wenn ich im Fernsehen unseren Nuntius, den Doyen des Diplomatischen Chores, beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten sehe, den Stellvertreter des Stellvertreters Christi auf Erden in Österreich, dann spüre ich auch nicht mehr viel vom urchristlichen Kommunismus. Es ist bei vielen wie ein bedingter Reflex: Sie sehen Purpur und werden rot vor Zorn.“ 

 

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