Zueinanderwandern

von Arnold Mettnitzer | 19.12.2021 | KLEINE ZEITUNG 

In jenen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharías und begrüßte Elisabet. Und es geschah: Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 

Lk 1, 39-42

 

Kurt Tucholsky vermutet, dass die meisten Menschen Weihnachten feiern, weil die meisten Menschen Weihnachten feiern. Vielleicht aber gibt es unter ihnen auch solche, die den Advent und das Weihnachtsfest nicht zur trivialen Gewohnheit verkommen lassen, sondern diese Zeit als ein großes (Be)Suchen begreifen, ein „Zueinanderwandern“, bis „das Kind in unserem Leib“ vor Freude zu hüpfen beginnt! 

In Peter Handkes Erzählung “Langsame Heimkehr” ruft Sorger, die Hauptfigur: „Ich will kein im Jammer Verschwindender, sondern ein mächtiger Klagekörper sein. Mein Ausruf ist: Ich brauche dich! Aber wen rede ich an? Ich muss zu Meinesgleichen! Aber wer ist Meinesgleichen? In welchem Land? In welcher Stadt?“ Vielleicht gibt es im Leben des Menschen keine drängendere Frage als diese: Zu wem gehöre ich? Wer gehört und hält zu mir? Das meint wohl auch der Ruf eines der ältesten Adventlieder: „O, Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf!“ Unser Leben lang sind wir auf der Suche nach Herberge, wollen ankommen, wahrgenommen, aufgenommen, willkommen geheißen und verstanden werden! Im Grunde ist das auch das Leitmotiv dieser Tage: die in jedem Menschen schlummernde Sehnsucht nach einem „Heiland“, der kommt, ihn anrührt und ermutigt, ihm zumindest das Gefühl gibt, nicht „mutterseelenallein“ in dieser Welt zu sein. Darum sagen ja auch Menschen in gelungenen Beziehungen immer wieder dankbar zueinander: „Ich verstehe mich mit Dir so gut“, was ja wohl nichts anderes sagen will als das: Wenn Du da bist, verstehe ich mich selber besser! Christine Lavant schreibt an ihre Freundin Ingeborg Teuffenbach: „Wasser sollen wir einander sein, worein wir unsere alle fremde Landschaft legen, damit wir sie endlich zu sehen bekommen, lange zu sehen, solange, bis wir darin daheim sind, so sehr daheim, dass wir sie abends betreten mögen, leise am Saum des Waldes, der innen vielleicht eine Wiese enthält, in deren Mitte unsere Rindenhütte steht. Denn: Wir brauchen Obdach! Und wir müssen alle so lange gehen, bis wir es einmal haben, das ganz Unsrige, das Unverlierbare. … Das Herz, unsere herzlichste und gültigste Herzstelle, soll immer wie auf ‚dem Sprung‘ sein, so dass der leiseste Anstoß genügt, die Schwingungen zum Anderen hin auszulösen. … es gibt nämlich so wenig darüber hinaus Gültiges.“