O, Weisheit

von Arnold Mettnitzer | 4.09.2022 | KLEINE ZEITUNG 


 

Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?

 

Weisheit 9, 16-17

 

Ich weiß, dass ich nicht weiß. Viele aber wissen nicht einmal, dass sie nicht wissen.“ Der Philosoph Sokrates entwickelt zur Erlan- gung der Weisheit eine Methode, die durch Fragen – nicht durch Belehren – die Einsicht seiner Gesprächspartner wachsen lässt. Alles beginnt dabei damit, sich des Nichtwissens bewusst zu sein und zeitlebens „auf der Suche“ nach dem Guten zu bleiben; das altgriechische Wort dafür lautet „Skepsis“ und meint „gründliches Suchen, Hinterfragen, Überlegen“. Skeptiker sind so gesehen suchende Menschen; und die Fragen, die sich ihnen dabei stellen, werden nicht so beantwortet, als hätte jemand „die Weisheit mit Löffeln gefressen“. Diese Redewendung aus dem 17. Jahrhundert weiß, dass geistige Nahrung nicht so bequem eingenommen werden kann wie leibliche und auch nicht so schnell wie beim Löffeln der Suppe. Deshalb kommt die Weisheit auch nicht hochmütig daher; große Wissende präsentieren sich nicht „vollgestopft“, eher demütig und dankbar; gerade darin zeigt sich ihre Weisheit.

Wenn Religionen Zukunft haben wollen, müssen sie sich zuallererst ein sprachliches Fasten verordnen, weniger von Gott und mehr von einer Weisheit reden, die sich um Mystik und Spiritualität kümmert, um jene Tugend, die Menschen einlädt, über die Welt hinauszuhoffen; dazu allerdings bedarf es eines „Umschulungsprozesses“, einer neuen Grammatik, die die in allen Menschen vorhandene Liebe, Güte und Zärtlichkeit „ansteckend und einladend“ zur Sprache zu bringen vermag. Eine solche Sprache (als Meisterwerk der Weisheit) würde auch mehr als eine Milliarde Atheisten und ungezählte Agnostiker aufhorchen lassen.

Einen Weg dazu weist mir Arvo Pärt in der ersten seiner sieben Magnifikat-Antiphonen: „O Weisheit! Hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten, die du in Kraft und Milde alles ordnest: Komm und offenbare uns den Weg der Einsicht.“

 

Arnold Mettnitzer

 

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