Gedanken für den Tag

Montag, 27.12.2004

Ich lese gerne Gedichte. In freien Tagen, wie jetzt, lerne ich einige davon auswendig. Eines, das ich nicht frei rezitieren kann, ist „dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ gewidmet, stammt von Erich Kästner und geht so:

Zweitausend Jahre sind es fast,
seit du die Welt verlassen hast,
du Opferlamm des Lebens!
Du gabst den Armen Ihren Gott.
Du littest durch der Reichen Spott.
Du tatest es vergebens!
Du sahst Gewalt und Polizei.
Du wolltest alle Menschen frei
Und Frieden auf der Erde.
Du wusstest, wie das Elend tut
Und wolltest allen Menschen gut,
damit es schöner werde!
Du warst ein Revolutionär
Und machtest dir das Leben schwer
Mit Schiebern und Gelehrten.
Du hast die Freiheit stets beschützt
Und doch den Menschen nichts genützt.
Du kamst an die Verkehrten!
Du kämpftest tapfer gegen sie
Und gegen Staat und Industrie
Und die gesamte Meute.
Bis man an dir, weil nichts verfing,
Justizmord, kurzerhand, beging.
Es war genau wie heute.
Die Menschen wurden nicht gescheit.
Am wenigsten die Christenheit,
trotz allem Händefalten.
Du hattest sie vergeblich lieb.
Du starbst und alles blieb
Beim Alten.


Arnold Mettnitzer

Dienstag, 28.12.2004

Ich lese gerne Gedichte. In freien Tagen, wie jetzt, lerne ich einige davon auswendig. Mein schönstes Weihnachtsgedicht kann ich leider bis heute nicht frei rezitieren, vielleicht aus … Ehrfurcht. Es stammt von Josef Weinheber:

 

Anbetung des Kindes

Als ein behutsam Licht
stiegst du von Vaters Thron.
Wachse, erlisch uns nicht,
Gotteskind, Menschensohn !

Sanfter, wir brauchen dich.
Dringender war es nie.
Bitten dich inniglich,
dich und die Magd Marie –

König wir, Bürgersmann,
Bauer mit Frau und Knecht:
Schau unser Elend an!
Mach uns gerecht!

Gib uns von deiner Güt
nicht bloß Gered und Schein!
Öffne das Frostgemüt!
Zeig ihm des Andern Pein!

Mach, daß nicht allerwärts
Mensch wider Mensch sich stellt.
Führ das verratne Herz
hin nach der schönern Welt!

Frieden, ja, ihn gewähr
denen, die willens sind.
Dein ist die Macht, die Ehr,
Menschensohn, Gotteskind.

 


Arnold Mettnitzer

Mittwoch, 29.12.2004

Eine Kostbarkeit in meiner Bibliothek ist das kleine Büchlein von Khalil Gibran, der Prophet. Darin lese ich „Vom Geben“:

 

„Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt. Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.
Denn was ist euer Besitz anders als etwas, das ihr bewahrt und bewacht aus Angst, dass ihr es morgen brauchen könntet?
Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen, der Knochen im spurlosen Sand vergräbt….
Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not?
Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist, der Durst, der unlöschbar ist?

 

Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.
Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben.
Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben – und ihr Beutel ist nie leer.
Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.
Und es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihre Taufe.
Und es gibt jene, die geben, und keinen Schmerz beim Geben kennen: weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen;
Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrthe ihren Duft verströmt.
Durch ihre Hände spricht Gott, und aus ihren Augen lächelt er auf die Erde.
Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird, aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;
Und für den Freigebigen ist die Suche nach einem, der empfangen soll, eine größere Freude als das Geben.
Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?
Alles, was ihr habt, wir eines Tages gegeben werden;
Daher gebt jetzt, dass die Zeit des Gebens eure ist
und nicht die eurer Erben.“
(aus: Khalil Gibran, der Prophet, Walter Zürich und Düsseldorf 34. Auflage 1998, SS. 17-19.)

 

Arnold Mettnitzer

Donnerstag, 30.12.2004

Auf der Suche nach dem Glück sind viele in ihrem Leben deshalb so unglücklich, weil sie um jeden Preis glücklich werden möchten. 
Was kostet das Glück? Und wo ist es zu finden?
Eine chinesische Erzählung glaubt zumindest zu wissen,
was dem Glück im Wege steht:

 

Sie standen am Spielplatz, wo die Kinder sich tummelten,
als der Schüler den Meister fragte: 
„Sage mir doch, wie es kommt, dass alle Menschen
glücklich sein wollen und es doch nicht werden?“
Der Meister wies auf die spielenden Kinder:
„Ich glaube, die da sind glücklich.“
„Wie sollten sie nicht?“ entgegnete der Schüler.
„Es sind Kinder, und sie spielen.
Wie ist es aber um das Glück der Erwachsenen bestellt?“
„Wie um das Glück der Kinder, genauso“, entgegnete der Meister.
Indem er das sagte, hatte er eine Handvoll Kupfermünzen
hervorgeholt und warf sie unter die spielenden Kinder.
Da verstummte mit einem Mal das fröhliche Lachen,
und die Kinder stürzten sich auf die Kupfermünzen.
Sie lagen am Boden und rauften um ihren Besitz.
Geschrei und Gezeter hatte das frohe Lachen abgelöst.
„Und nun“, fragte der Meister, „was hat ihr Glück zerstört?“
„Der Streit“, erwiderte der Schüler.
„Und wer erzeugte den Streit?“ - „ Der Neid und die Habgier.“
„Da hast du die Antwort auf deine Frage.
Alle Menschen erfüllt die Sehnsucht nach dem Glück,
aber die Gier in ihnen, es zu erjagen,
bringt sie gerade um das, was sie sehnlichst wünschen.“

 

Arnold Mettnitzer

Freitag, 31.12.2004

Wenn ich mein Leben noch
einmal leben könnte, im 
nächsten würde ich versuchen
mehr Fehler zu machen.

Ich würde nicht so perfekt sein
wollen, ich würde mich mehr
entspannen. Ich wäre ein bisschen 
verrückter als ich gewesen bin, ich
würde viel weniger Dinge so ernst 
nehmen. Ich würde nicht so gesund
leben. Ich würde mehr riskieren, 
würde mehr reisen, Sonnenunter-
gänge betrachten, mehr bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.

 

Ich war einer dieser 
klugen Menschen, die jede Minute ihres
Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der 
Freude.
Aber wenn ich noch einmal anfangen
könnte, würde ich versuchen, nur mehr gute 
Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben.
Nur aus Augenblicken.
Vergiss nicht den jetzigen.

 

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den
Spätherbst barfuss gehen.
Und ich würde mit mehr Kindern spielen, wenn ich das 
Leben noch vor mir hätte.

 

Aber sehen Sie...
ich bin 85 Jahre alt und weiß,
dass ich bald sterben werde.

 

Jorge Luis Borges, argentinische Schriftsteller,
*Buenos Aires 24.08.1899, +Genf 14.06.1986 im Jahre 1984.
Phantastische Erzählungen, die um das Problem von Zeit und Ewigkeit,
Diesseits und Jenseits, Wandlung und Dauer kreisen.

 

Mit dem Herzen atmen 

Erinnerungen und Erfahrungen 

von Arnold Mettnitzer 

mit Fotografien von Willi Pleschberger

 

Styria Verlag

ISBN: 978-3-222-13572-9

Seiten: 192

Einband: Hardcover mit Schutzumschlag

Format: 13,5 x 21,5cm

Preis: € 22,90