Gedanken für den Tag

Die österreichische Seele
zum 100. Geburtstag von Erwin Ringel am 27. April 2021
und zum 70. Todestag von Ludwig Wittgenstein am 29. April 2021

„Gedanken für den Tag“ in Ö1 vom 26.- 30.04.2021
jeweils um 06:56 Uhr von Arnold Mettnitzer
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Der Psychiater und Psychotherapeut Erwin Ringel unterzieht zur Mitte der 1980-Jahre „Die österreichische Seele“ einer gründlichen Kritik. In 10 Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion versucht er dabei eine ehrliche Diagnose, „um Heilung zu ermöglichen“. In der Folge entstehen heftige Kontroversen in Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen. Arnold Mettnitzer, der kurz danach bei Ringel seine psychotherapeutische Lehranalyse beginnt, erinnert sich.

Montag, 26. April 2021

Bis zur Mitte der 1990-er-Jahre gilt Erwin Ringel in Österreich als „Psychiater der Nation“. Ein leidenschaftlicher Arzt, ein engagierter Psychotherapeut, ein gebildeter Humanist, ein blendender Redner, ein durch und durch politischer Mensch.

In 10 großen Reden und ungezählten daraus folgenden Vorträgen unterzieht er „Die österreichische Seele“ einer gründlichen Analyse und löst damit auf dem Gebiet der Medizin, der Politik, der Kunst und der Religion zum Teil heftige Kontroversen aus.

Jetzt, in diesen Monaten größter wirtschaftlicher, politischer und seelischer Verunsicherung könnten wir seine unerschrockene Stimme gut brauchen!

Gegen Verschwörungstheoretiker, Chatprotokollanten und Architekten wachsender Politikverdrossenheit ermutigt allein schon der Titel eines seiner Bücher:

„Ich bitt‘ Euch höflich, seid’s keine Trottel!“

Ringel liebt sein Publikum! Und das Publikum liebt ihn!

Ob in der Wiener Staatsoper, in der Brucknerhalle in Linz,

im Bayrischen Hof in München oder vor Auslandsösterreichern in Rom: Wo Ringel spricht, sind die Säle voll.

Dabei macht er mit Kritik auch vor seinen Berufskollegen nicht Halt: „Meine Damen und Herren! Wenn Sie gesund bleiben wollen, meiden Sie jeden Arzt!“

Damit kritisiert er die „Götter in weiß“, die dem Befund eines kranken Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken als seinem Befinden; denn es wäre nicht die Aufgabe des Arztes, bloß nach Krankheiten zu suchen, vielmehr müssten sie einen kranken Menschen in seiner Gesamtheit „wahr“-nehmen: Dass er sich damit nicht nur Freunde macht, ist ihm bewusst. – Und weil sich unter seinen Patienten viele Künstler befinden, kursiert in Kollegenkreisen dann auch bald das Bonmot:

„Schauspieler halten Ringel für einen hervorragenden Arzt. Ärzte halten Ringel für einen hervorragenden Schauspieler.“

 

MUSIK: „MEIN STILLES FENSTER“

Musikalische Gedanken zu Erwin Ringel’s Lieblingslied „Im Abendrot“ von Saxophonist und Komponist Edgar Unterkirchner, 2021

Dienstag, 27. April 2021 zum 100. Geburtstag von Erwin Ringel

Mit 32 Jahren beschreibt Erwin Ringel „Das präsuizidale Syndrom“.

Seine erste Meisterleistung, die es verdient, heute an seinem 100. Geburtstag besonders hervorgehoben zu werden.

An Friedrich Torbergs „Schüler Gerber“ illustriert der Psychiater die Not junger Menschen, die an „Gott Kupfer“ scheitern müssen. - Überall dort, wo ein Mensch aufhört, Zweck an sich zu sein und als Mittel zum Zweck anderer missbraucht wird, werden Selbstwert, inneres Feuer und Weltgestaltungslust zerstört.

Davon Betroffene unterzieht Ringel mit scharfem Blick einer gründlichen Analyse. Dabei ist er ein begnadeter Diagnostiker, der durch den Blick in die Augen eines Menschen auf dessen seelischen Zustand zu schließen weiß;

nicht selten erweist er sich dabei auch als „Meister der paradoxen Intervention“, jener Kunst, seinen Patienten in Momenten, in denen sie nichts zu lachen haben, zumindest ein Lächeln abzuringen.

So weiß ich von einem seiner Schützlinge, der später mein Trauzeuge wurde,

wie Ringel sich im Rollstuhl mit Smoking und mit weißem Schal zur Sylvester- Mitternacht 1974 in das Stationszimmer schieben lässt und dabei die Arie des Grafen Danilo aus der Lustigen Witwe singt: „Heut‘ geh ich ins Maxim, dort ist es sehr intim! Ich duze alle Damen, nenn sie mit Kosenamen ...“

Ringel weiß, dass Humor oft besser heilt als alle Rezepte; er weiß auch darum, dass alles Fröhliche einen wehmütigen Hintergrund hat und alle Wehmut eine heitere Vorderseite. „Wehmut“, zitiert er Torberg, „kann immer auch ein bisschen lächeln.“

Ringel ist überzeugt: „Niemand stirbt, weil er nicht mehr leben will, sondern

weil er unter den Umständen, in die er geraten ist, nicht mehr leben kann!“

Wer einem Menschen dann noch helfen kann, für den gilt, was im Talmud steht: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt!“

 

MUSIK: „SCHLÜRFT NOCH LICHT“

Musikalische Gedanken zu Erwin Ringels Lieblingslied „Im Abendrot“ von Saxofonist und Komponist Edgar Unterkirchner, 2021

Mittwoch, 28. April 2021

Johannes XXIII. fragt einmal einen Anglikaner, der ihn besucht, ob er Theologe sei. „Nein!“, sagt sein Gast. Und der Papst darauf: „Ich auch nicht, Gott sei Dank.

Sie wissen ja selbst, wieviel Unglück die Berufstheologen der Kirche durch

ihre Haarpaltereien, ihre Engstirnigkeit und ihren Eigensinn zugefügt haben.“

Mit seinem Schüler Alfred Kirchmayr schreibt Ringel zur Mitte der 1980-er-Jahre ein Buch mit dem Titel „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“! Darin warnen beide vor einer „religiösen Überfütterung“, die einen intensiven Wunsch nach immerwährender Diät erzeugt.

Mit der offiziellen Begründung „Ausverkauft“ sorgt die Kirche dann dafür, dass das Buch schnell aus den Buchhandlungen verschwindet. - 10 Jahre später dann holt der Herder Verlag 1000 „vergriffene“ Bücher aus dem Verließ und bietet sie unentgeltlich der Erwin Ringel Stiftung an.

Erwin Ringels kindliche Frömmigkeit hat mich beeindruckt.

Im Blick auf das jüdisch-christliche Erbe sagte er gerne:

„Mit einem Lungenflügel bin ich Jude, mit dem anderen bin ich Christ!“

Ein Hochgenuss für ihn ist jedes Jahr der "Carinthische Sommer" in Ossiach; vor allem, wenn sein Freund Robert Holl Schubertlieder singt, aber ganz besonders dann, wenn zum Schluss Erwin Ringels Lieblingslied „Im Abendrot“ wiederholt wird! - „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagt Ringel einmal, „wie man inniger beten könnte“:

„O wie schön ist deine Welt, / Vater, wenn sie golden strahlet! / Wenn dein Glanz herniederfällt / und den Staub mit Schimmer malet, / wenn das Rot, das in der Wolke blinkt, / in mein stilles Fenster sinkt!

Könnt‘ ich klagen, könnt‘ ich zagen? / Irre sein an dir und mir? / Nein, ich will im Busen tragen / deinen Himmel schon allhier, / und dies Herz, eh es zusammenbricht, / trinkt noch Glut und schlürft noch Licht.“

 

MUSIK: „STAUB MIT SCHIMMER MALEN“

Musikalische Gedanken zu Erwin Ringels Lieblingslied „Im Abendrot“

von Saxofonist und Komponist Edgar Unterkirchner gemeinsam mit Julia Hofer am Cello, 2021

Donnerstag, 29. April 2021 zum 70. Todestag von Ludwig Wittgenstein

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Mit diesem Satz eröffnet Ludwig Wittgenstein seine Logisch-philosophische Abhandlung, die unter dem Namen „Tractatus“ in die Philosophiegeschichte eingeht.

Heute zum 70. Todestag des Philosophen darf damit auch das zentrale Anliegen therapeutischer Aufmerksamkeit beschrieben werden. Denn auch die Psychotherapie kümmert sich in ihrer Art um das, „was der Fall ist“; sie hilft, das, was ist, als das, was es ist, zu benennen und sich dem, was sich dabei zeigt, zu stellen!

Nur so lassen sich die Selbstheilungskräfte eines Menschen aktivieren.

Dazu aber, so Ringel oft, müsse ein Therapeut am längeren Ast des Verständnisses sitzen, Geduld haben - und die Menschen lieben!

Erwin Ringel ist ein Pionier der Psychosomatik, der den körperlichen, aber auch den seelischen Ursachen einer Krankheit auf den Grund zu gehen versucht. Weil der Mensch aus Körper, Geist und Seele besteht, muss derjenige, der „reparaturmedizinisch“ nur den Körper zu behandeln versucht, dabei scheitern.

Es gibt eine Beschäftigung mit dem Körper, die auf die Seele vergisst und es gibt eine Beschäftigung mit der Seele, die auf den Körper vergisst. Beides in Einseitigkeit kann nur in ein verkümmertes Dasein führen.

In diesem Zusammenhang kritisiert Ringel auch unsere Alltagssprache, mit der wir voreinander Verstecken spielen, indem wir zu reden gelernt haben ohne dabei unsere Gefühle zu äußern.

Wer aber glaubt, eine Kobra dadurch aus seinem Wohnzimmer zu kriegen, dass er sie unter den Teppich kehrt, wird feststellen müssen, dass sie dort in aller Ruhe Eier legt und zur Unzeit als siebenköpfige Hydra wieder unter dem Teppich hervorkommt.“

Ringels Alternative dazu lautet: Stellen Sie sich dem, was der Fall ist! „Und springen Sie dabei, sooft Sie können, über Ihren Schatten!“

 

MUSIK: „IRRE SEIN AN DIR UND MIR“

Eine musikalische Spiegelung von Erwin Ringels Lieblingslied „Im Abendrot“

von Saxophonist und Komponist Edgar Unterkirchner gemeinsam mit Pianist Tonc Feinig, 2021

 

Freitag, 30. April 2021

Zum heutigen Internationalen Tag des Jazz hätte Erwin Ringel mit Sicherheit Großartiges zu sagen gewusst. Vieles in seiner Arbeit kann man ja auch mit der Lust an der freien Interpretation eines Themas vergleichen...

„Ein Therapeut“, sagt er einmal, „muss, wenn er nicht in seiner Praxis ist,

in der Oper sitzen oder im Theater, im Konzert oder im Kino, dort, wo die Abgründe des Lebens verhandelt werden! Aber noch besser ist es für einen Therapeuten, fügt er hinzu, wenn er das Glück hat, in Wien zu leben: In dieser faszinierend ambivalenten Stadt der Musik und des Theaters, aus der Gustav Mahler mit der Frage flüchtet, ob man hier immer erst tot sein müsse, damit sie einen leben lassen und in die er drei Jahre später zum Sterben zurückkehrt - überzeugt davon: „Wenn die Welt untergeht, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später.“

Wien, wo Stefan Zweig von 1907 bis 1919 in der Kochgasse 8 über die „Abgründe des Herzens“ und „die Verwirrung der Gefühle“ schreibt.

Wien, die Stadt Sigmund Freuds, Alfred Adlers und Viktor Frankls!

Nirgendwo sonst hätte Erwin Ringel leben wollen!

Einmal darf ich ihm vorlesen, an was sich Ingeborg Bachmann hier erinnert:

„Soviel zerbröckelter Stein, soviele hohle Wände ... O alle die Fenster, die nie aufgingen, alle die Tore, als gings durch kein Tor hinaus, ...

Hofrätliches und Abgetretenes in Kanzleien. Nie ein hartes Wort in den Vorzimmern, immer ein kränkendes. (Hinhalten, nicht abweisen.) ...

Stadt der Witzemacher, der Speichellecker, der Spießgesellen.

(Für eine Pointe wird die Wahrheit geopfert und gut gesagt ist halb gelogen.)“

Nachdem ich fertig bin, reibt sich Ringel die Hände und ruft:

„Nur hier in diesem Wien konnte Sigmund Freud die Neurose entdecken!

In Rom, Neapel oder Palermo wäre er ein einfacher Nervenarzt geblieben.“

 

MUSIK: „KÖNNT ICH ZAGEN“

Musikalisch(e) (jazzige) Gedanken zu Erwin Ringels Lieblingslied „Im Abendrot“ von Pianist Tonc Feinig und Saxofonist Edgar Unterkirchner, 2021

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