Gedanken für den Tag

Montag, 01.07.2019

Wer von seinen Reisen zu erzählen beginnt, versucht mit anderen zu teilen, was er dabei im besten Sinne des Wortes „erfahren“ hat; dass das aber im Grunde nicht geht, nehmen wir dabei in Kauf; denn unsere erlebten Geschichten können wir nie zu Erlebnissen anderer Menschen machen. 

Dorothee Sölle vermutet, dass unsere Erfahrungen das sind, was man früher „Seele“ genannt hat, die Mitte unseres Wesens, die Schatzkammer, in der sich alles sammelt und nichts vergessen wird, was uns bei den Wanderungen durch das Leben berührt und unter die Haut geht. 

Der biblische Mensch begreift sich als „Umherirrender“ (Dtn 26, 5-9), als Nomade, auf der Suche nach einem Ruheplatz am Wasser (Ps 23,3). In all meinen Reisen bin ich in diesem Sinne der „homo viator“, einer, den es hinaustreibt ins Weite, der Ausschau hält nach Plätzen in dieser Welt, die ihm zumindest für einen Augenblick ein kleines Stück vom Himmel hier auf der Erde versprechen…

Wie jene zwei Mönche, von denen erzählt wird, sie hätten sich aus ihrer Klosterzelle aufgemacht, wären durch die ganze Welt gezogen, um jene geheimnisvolle Tür zu finden, hinter der sich für sie der Himmel auftut! - Am Ende ihres langen Wanderweges wären sie endlich ans Ziel ihrer Reise gekommen, hätten erwartungsvoll das Tor aufgestoßen und wären in der Klosterzelle gestanden, aus der sie vor Jahren gemeinsam ausgezogen waren. 

- Wäre es für die beiden vielleicht besser gewesen, zu Hause zu bleiben? 

Schon vor 500 Jahren spottet Paracelsus über seine Zeitgenossen, die abwechselnd nach Antwerpen, Venedig, Frankfurt und Brüssel „rennen“, weil sie jeweils davon überzeugt sind, dort liege das Heil der Welt. Meine Sehnsucht nach fremden und fernen Gegenden erfüllt sich erst dann, wenn ich dadurch den Frieden und die Schönheit in den eigenen vier Wänden wieder zu sehen und zu genießen vermag.

Dienstag, 02.07.2019


Als Zehnjähriger durfte ich in der Hofalm in den Kärntner Nockbergen bei meiner Tante Theresia Halterbub sein. Oft bin ich damals aus dem Talkessel heimlich hinauf auf die Höhe gelaufen und habe im Blick über die Berge zum ersten Mal Fernweh erlebt und wissen wollen, wie die Welt hinter dem Horizont aussieht. 


Wieder daheim habe ich damals zu träumen begonnen, mit dem Wasser des kleinen Bächleins vor unserem Haus hinunter ins Tal, mit der Lieser hinaus nach Spittal, von dort mit der Drau in die Donau und mit dieser bis zum Schwarzen Meer zu gelangen. Seither liebe ich Flüsse! Bei ihrem Fließen kümmern sie sich nicht um die Grenzen, nehmen alle Geschwister auf, die sich zu ihnen gesellen, wachsen vom Kleinen ins Große … Daraus erkläre ich mir heute meine Liebe zum Meer, dem Ziel aller Flüsse und das Hochgefühl, das ich beim Besuch von Küstenstädten empfinde. 
Um wieder einmal die schönste dieser Städte zu besuchen, müsste ich in den Süden reisen, vorbei an Bologna, Florenz und auch Rom, vorbei am Vesuv, an Neapel, Sorrent …  nach AMALFI. 

Nichts Schöneres habe ich bisher im Leben gesehen!
Dort angekommen, verrät mir auf dem Weg 
von der Piazza Flavio Gioia zum Dom 
ein kurzer Satz den Stolz der einst mächtigen Seerepublik: 


“Il giorno del giudizio 
per gli amalfitani che andranno in paradiso
sarà un giorno come un altro”

„Für die Bewohner von Amalfi wird der Tag, 
an dem sie ins Paradies kommen, 
ein Tag sein wie jeder andere.“

 

Mittwoch, 03.07.2019

Die Kondensstreifen der Flugzeuge am Himmel über mir haben mich als Kind davon träumen lassen, einmal in einem dieser Flugzeuge sitzen zu dürfen!

Es sollte noch Jahre dauern, bis ich als 11-jähriger auf meiner ersten Fahrt im Zug beim Blick aus dem Fenster ganz weg davon bin, zum ersten Mal ein Flugzeug am Boden stehen zu sehen. Und dann sind noch über 20 Jahre vergangen, bis ich zum ersten Mal ein Flugzeug besteige, dann aber gleich drei Mal starten und landen darf und so von Salzburg nach Genf, von Genf nach Zürich und von Zürich nach Lissabon fliege. 

Jahre später zeigen uns unsere portugiesischen Freunde Elke und Manuel ihr Lissabon. Wann immer wir dort sind, darf das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa im Reisegepäck nicht fehlen. Und wenn es sich irgendwie einrichten lässt, trinken wir im Chiado-Viertel, im Café A Brasileira in der Rua Garrett 120 eine Bica, die portugiesische Variante eines Espressos. Vor seinem Lieblingscafé sitzt der Dichter in Bronze und erträgt in himmlischer Gelassenheit die Hektik der Touristen, ein Foto mit ihm zu ergattern.  

Pessoa hat unter 17 verschiedenen Pseudonymen seine Schriften publiziert und es dabei so weit auf die Spitze getrieben, mit einigen seiner Heteronyme im Briefwechsel zu stehen und ihre Horoskope zu erstellen. Zu Lebzeiten veröffentlicht er kaum eines seiner Werke. Der Großteil seines literarischen Schaffens verschwindet zunächst in einer Truhe. Sein „Buch der Unruhe“ erscheint erst 1985, 50 Jahre nach seinem Tod: 

„Was ist reisen, und wozu dient es?“ – lese ich da  – „Jeder Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang, um ihn zu sehen, muss man nicht nach Konstantinopel. Und das Gefühl der Befreiung, das vom Reisen ausgeht? Das kann ich ebenso haben, wenn ich von Lissabon nach Benfica, in die Vorstadt, fahre, und zwar sehr viel intensiver als einer, der von Lissabon nach China reist, denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo.“

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Fischer Taschenbuch Verlag, 3.Auflage 2014, Text 138, Seite 155

 

Donnerstag, 04.07.2019

Rom – mit dem Pantheon, dem Forum Romanum, dem Kolloseum, den Katakomben, dem Petersdom, der Basilika Santa Maria Maggiore, der kleinsten der großen Kirchen dort. 

Das Rom der Antike fasziniert mich genauso wie das Rom der Renaissance, 
das heutige Rom nicht weniger als das barocke mit der Spanischen Treppe und dem übervollen Café Greco, in dem man gern etwas mehr dafür zahlt, dass hier schon Goethe seinen cappuccino getrunken hat.


 

Unweit davon, in der Via Bocca di Leone 60 verrät eine weiße Marmortafel, dass hier vom 1966 bis 1971 die österreichische Dichterin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gelebt und in ihrem Werk daran erinnert hat, dass von der Antike bis heute der Schlüssel römischer Identität aus vier Buchstaben besteht: S.P.Q.R. - Senatus PopulusQue Romanus – Der Senat und das Volk von Rom - 

- selbstbewusst von der Antike bis zum heutigen Tag - 
  

 Hier hat Ingeborg Bachmann an acht verschiedenen Adressen gelebt. 
Hier - unter der römischen Sonne – bekommt ihr Lied AN DIE SONNE 
seinen unverwechselbar südlichen Klang:

 


„Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht, 
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht, 
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen 
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andere Gestirn, 
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt, 
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein...“



Ingeborg Bachmann, Sämtliche Gedichte, Piper Verlag München, 10. Auflage 2015, Seite 146-147

 

Freitag, 05.07.2019

Kurz nach Sonnenaufgang spiegelt sich das Stockholmer Rathaus beeindruckend im Wasser. Stolz steht es da im vollen Glanz der Morgensonne: Ein Schloss! Eine Ritterburg mit ihrem 106 Meter hohen Turm und den drei Kronen als Wahrzeichen für das königliche Stockholm. 

 

Dort stehen wir im Goldenen Saal wie durch ein Wunder für ein paar Minuten ganz allein und ich kann in aller Stille an Nelly Sachs denken, der hier im Jahre 1966 „für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke“, der Nobelpreis für Literatur überreicht wurde. 

 

Die jüdisch-deutsch-schwedische Lyrikerin wurde in Berlin geboren und war bereits mit 15 Jahren so fasziniert von der in Stockholm lebenden Selma Lagerlöf, dass sie mit der schwedischen Schriftstellerin, die in hier 1909 als erste Frau den Nobelpreis für Literatur erhielt, in einen Briefwechsel eintrat, der über 35 Jahre andauern sollte.

 

Nach dem Tod ihres Vaters (1930) lebt Nelly Sachs mit ihrer Mutter zurückgezogen „ein Leben unter Bedrängung“ und verspürt als Jüdin in sich nur noch den „höchsten Wunsch auf Erden: Sterben ohne gemordet zu werden.“ 1940 gelingt ihr buchstäblich in letzter Minute die Flucht im Flugzeug nach Stockholm.

 

Nelly Sachs bleibt unverheiratet, steht aber über Jahrzehnte in einer Beziehung zu einem Mann, der deshalb mehrmals von der Gestapo verhört und gedemütigt wird. Man zwingt Sie, das Martyrium ihres Geliebten mitzuerleben und ihn „zu Tode getroffen zusammenbrechen“ zu sehen. Mehrfach ist in ihren Gedichten die Rede von einem „Bräutigam“ oder, wie im folgenden, von einem Geliebten: 

 

„Wenn die Propheten aufständen / in der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen, / Nacht der Menschheit

würdest du ein Herz zu vergeben haben?

 

Nelly Sachs, Werke. Kommentierte Ausgabe. Band 1. Gedichte 1940-1950, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, Seite 58-59

 

Samstag, 06.07.2019

Wer reist, mag vom Fernweh getrieben sein. Viele aber sind bei ihren Reisen ein Leben lang auf der Suche nach Heimat. Mascha Kaléko zum Beispiel, 

die liebenswerte Lyrikerin, deren Gedichte mich immer begleiten, 

wenn ich in Berlin oder Jerusalem bin.

 

1907 in Polen geboren, übersiedelt Mascha im Volksschulalter mit ihrer Mutter nach Frankfurt, zieht 1916 nach Marburg und schließlich 1918 nach Berlin, in die Grenadierstraße 17, im Scheunenviertel der Spandauer Vorstadt. 

 

Hier verbringt sie die glücklichste Zeit ihres Lebens. Hier heiratet sie den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko und lernt im Romanischen Café gegen Ende der zwanziger Jahre unter vielen anderen Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. 1933 publiziert sie das Lyrische Stenogrammheft, über das der wohl ein wenig in sie verliebte Martin Heidegger an sie schreibt: „[…] Ihr ‚Stenogrammheft‘ sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“ 

(Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko. Biografie. dtv, München 2007, erweiterte und aktualisierte TB-Ausgabe 2012, S. 177, 276)

 

Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten lebt sie 1942 bis 1957 in New York und wandert 1960 ihrem Mann zuliebe mit ihm nach Jerusalem aus. Dort aber lebt sie enttäuscht und einsam und leidet nach dem Tod ihres Mannes noch mehr unter der sprachlichen und kulturellen Isolation. 

 

Im Herbst 1974 besucht sie die Stadt ihrer Jugend ein letztes Mal und denkt dabei darüber nach, in Berlin neben ihrem Domizil in Jerusalem eine Wohnung zu nehmen. Auf dem Weg zurück nach Jerusalem stirbt sie am 21. Jänner 1975 in Zürich. Eines ihrer Gedichte trägt den Titel: Heimweh, wonach?

 

„Wenn ich „Heimweh“ sage, sag ich „Traum“. / Denn die alte Heimat gibt es kaum.

Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel: / Was uns lange drückte im Exil.

Fremde sind wir nun im Heimatort. / Nur das „Weh“, es blieb. / Das „Heim“ ist fort.“

 

Mascha Kaléko, Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte, dtv Verlagsgesellschaft, München 16. Auflage 2015, Seite 81

 

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